Kultur : Moor and more

Vor dem Schiller-Jahr: Hasko Weber dreht mit den „Räubern“ im Berliner Ensemble Locken auf der Künstlerglatze

Peter Laudenbach

Friedrich Schiller machte sich keine Illusionen über die Figuren seines dramatischen Erstlings, den „Räubern“: Der Intrigant Franz Moor – ein Charakter in „Shakespearescher Manier“. Sein Bruder Karl, der unter die Outlaws gefallene Student, „dankt seine Grundzüge dem Plutarch und Cervantes“. Und Amalia, Karls Geliebte – bloß ein Mädchen, das „zuviel im Klopstock gelesen“ hat. Rücksichtslos gegen die Sturm- und Drang-Ideologie vom Originalgenie legt Schiller in einer „Selbstbesprechung“ die eklektizistische Konstruktion seiner Figuren offen: Herzergießungen und Mörder aus zweiter Hand.

Jetzt hat Hasko Weber, Stuttgarts kommender Schauspielchef, „Die Räuber“ am Berliner Ensemble inszeniert, und wenn man etwas Gutes über diese Aufführung im Vorfeld des Schiller-Jahres sagen kann, dann, dass sie sich keine Mühe macht, die Künstlichkeit der Figuren zu kaschieren. Lauter Gestalten aus dem Theater-Fundus, lauter Zitate und Varianten von Zitaten. Weiß geschminkt die Gesichter, furchtlos die Reden an der Rampe, übergroß die Gesten und unermüdlich in Aktion die Drehbühne. Leider entwickelt sie aus dieser betonten Theaterhaftigkeit aller Auftritte und Szenen keine Ironie, weder Übermut noch Leichtigkeit, die Schillers geöltes Pathos spöttisch konterkarieren könnten. Der „Moraltrompeter von Säckingen“ (so Nietzsche über Schiller) wird in dieser Inszenierung nicht zum lässigen Free-Jazzer.

Je länger der Abend sich zieht, desto unangenehmer beginnt man zu ahnen, dass die ausgestellten Theaterkünstlichkeiten bloß schlichte und schlechte Routine-Kunstgriffe aus der Trick-Kiste des Stadttheaters zur schmerzlosen und rückstandsfreien Entsorgung eines Klassikers sind. Im Wald, da sind die Dramaturgen.

Damit wir wissen, wo wir sind, hängt ein großer Schriftzug über der leeren Bühne (Frank Hänig): „MOOR“. Aha. Erster Akt, erste Szene, Auftritt Vater Moor und Intriganten-Sohn Franz. Der Papa (Rainer Philippi, der die einzige ernst zu nehmende Schauspielerleistung des Abends bot): ein steifer Herr am Katheder, eine ehrpusselige Witzfigur. Franz Moor, der hässliche, ungeliebte Sohn, zerfressen vom Hass des Zukurzgekommenen, hier tritt er als eine Art Zirkusdirektor auf. Eine glatte Halbwelt-Gestalt im Gehrock, mit energisch nach hinten gegeltem Haar. Zur Frisur aus den Zwanzigerjahren passt die rot gestreifte Krawatte über dem schwarzen Hemd. Dirk Ossig spielt seinen Franz Moor als selbstverliebte Operettenfigur, eine Art Revuetänzer des Nihilismus, ein schwadronierender Clown, der gerne die ganze Welt verflucht. Gefährlich ist hier nichts. Die wuchtigen Schiller-Sätze („Ich will alles um mich her ausrotten“) sind bloß eitles Parlando an der Rampe. Das Monster als Kleindarsteller. Zweite Szene, Auftritt der Räuber. Zwei verlebte Langzeit-Studenten schwenken eine rote, eine schwarze Fahne und singen angesäuselt ein italienisches Partisanen-Lied. Und wenn Karl Moor das „schlappe Kastratenjahrhundert“ beklagt, ahnt man, dass er weiß, wovon er redet. Überspannter Idealismus? Gekränkte Sohnesliebe? Welt- und Menschen-Ekel? Nichts da. Dieser Karl Moor (laut und undifferenziert: Norbert Stöß) ist unangekränkelt von solchen Problemen. Waren die „Räuber“ bei Piscator in den Zwanzigerjahren linke Revolutionäre, bei Alexander Lang am Schiller-Theater in den Achtzigern Figuren aus einem romantischen deutschen Mittelalter und bei Frank Castorf gleich nach der Wende trotzige Asoziale und Anarcho- Rocker („Wir sind die Moor-Soldaten“), sind sie am BE bestenfalls noch verlebte Studenten, müde gewordene Boheme, Theater-Kantinen-Trinker.

Spiegelberg (Alexander Doering, ein Name, den man sich nicht merken muss), der Räuber, der vom Ruhm des Bösen träumt – hier verrät schon der Flitter am Revers der weißen Cocktailjacke, dass er nur eine Art Karneval der Terrors feiert. Schillers Killer, eine Charge, die sich selbst nicht ernst nimmt. Und weil Hasko Webers rabiate Strichfassung das Stück auf den Plot reduziert und sich das Gedankendrama schenkt, haben wir es schon vor Beginn des Schiller-Jahres mit einem Schiller zum Argwöhnen zu tun. Aber vielleicht wird die nächste Berliner Schiller-Exkursion aufregender: Die Sophiensaele zeigen demnächst „Maria Stuart“.

Wieder am 11., 16. und 17. November.

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