Kultur : Moralist mit Esprit

Fürst de Lignes Reflexionen, neu übersetzt

Robert Zimmer

Die Deutschen haben ihn nie für sich entdeckt: Und doch ist Charles Joseph, Fürst de Ligne ein illustrer Vertreter des alten Reichs und ein Alteuropäer reinsten Wassers dazu. Geboren 1735 in den habsburgisch beherrschten österreichischen Niederlanden – aus denen später Belgien hervorging – gehörte seine politische Loyalität dem Wiener Hof. Seine kulturelle Affinität galt jedoch dem Französischen, der Sprache, in der er seine mehr als 30 Bände umfassenden Erinnerungen und Reflexionen schrieb. Gesprächspartner von Voltaire, Rousseau und Casanova, Feldherr, Salonlöwe, Frauenheld und Schriftsteller, galt er schon zu Lebzeiten als eine der schillerndsten Figuren der aristokratischen Welt des 18. Jahrhunderts. Zuhause an allen großen Höfen Europas, behauptete er, sechs oder sieben Vaterländer zu haben. Er war es, der, während des Wiener Kongresses und kurz vor seinem Tod 1814, den berühmten Satz prägte: „Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht voran.“

Nachdem die auf Deutsch erschienene Biografie des englischen Historikers Philip Mansel de Ligne als zeitgeschichtliche Figur wieder ins Gedächtnis rief, hat nun Michael Rumpf den Schriftsteller de Ligne in einer Auswahlübersetzung zugänglich gemacht. Dabei geht es um den Moralisten, den Beobachter und Beurteiler des Menschen. Die Prosastücke stellen de Ligne in die Tradition Montaignes, La Rochefoucaulds und La Bruyères.

Die Moralistik ist keine Moraltrompete, sondern Verarbeitung von Lebenserfahrung, die sich Formen wie Aphorismus und Essay bedient und systematischer Theorie aus dem Weg geht. Kondensierte Weltklugheit, serviert mit Esprit. „Wir Moralisten“, schreibt De Ligne, „gehören einem Beruf an, der zwischen der Amme und der Erzieherin steht“: als Helfer zum Selber-Leben. „Sobald man in der Welt so viel gilt, dass man in ihr eine wichtige Rolle spielt, wird man zu einer Kugel, die nie wieder ruhig liegt.“

Seine Gedanken und Fragmente zeigen einen skeptischen Aufklärer, der keine Illusionen über den Menschen hat, ihn aber nicht aufgibt. Er weiß um die Feigheit, Eigenliebe und Undankbarkeit. Anders als Rousseau machte er aber nicht die Zivilisation, sondern die menschliche Natur dafür verantwortlich. De Ligne glaubt an eine Erziehung durch und nicht gegen die Zivilisation: „Nach allem, was geschehen ist, hört man oft: Lasst uns die Bücher verbrennen, lasst uns zur Unwissenheit zurückkehren. Keinesfalls. Da wir sie einmal verlassen haben, möchte ich, dass ihr im Gegenteil noch aufgeklärter werdet, ihr seid es nur halb, werdet es ganz: Durch die Erkenntnis werdet ihr wieder gute Menschen werden.“

In de Lignes Schilderung seiner Begegnung Voltaire auf dessen Landsitz Ferney zeigt sich die ihm eigentümliche enge Verbindung zwischen Konversation und Literatur. De Ligne stellt Voltaire auf die Bühne, lässt ihn über seine literarischen Vorlieben plaudern und mit seiner Nichte Theater spielen. De Lignes Stil sei „nichts als geschriebene Konversation“ hatte schon Sainte-Beuve in seinem Essay über den Fürsten behauptet, eines seiner klassischen literarischen Porträts, das Rumpf, durch ein ausführliches Orts- und Namensregister ergänzt, in den Band aufgenommen hat.

Mit de Lignes „Gedanken und Fragmente“ hat Michael Rumpf, selbst Kenner der Moralistik und ein Meister der kleinen Formen, ein Schatzkästlein der Weltklugheit gehoben und dem Publikum einen Klassiker wiedergegeben. Dem kleinen Heidelberger Manutius Verlag, der durch seine bibliophilen Ausgaben ebenso auffällt wie durch sein an literarischen Moden konsequent vorbeisteuerndes Nischenprogramm, ist zu verdanken, dass die Deutschen einen alten Europäer und Kosmopoliten entdecken können.

Charles Joseph Fürst De Ligne: Gedanken und Fragmente, herausgegeben und übersetzt von Michael Rumpf, Manutius Verlag, Heidelberg 2007, 111 S., 19,80 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben