Kultur : Moralist mit Narrenkappe

Biografisches zu Friedrich Schröder-Sonnenstern.

Richard Schroetter

Wie Günter Bruno Fuchs, Wolfgang Neuss oder Oscar Huth gehörte er zur West-Berliner Nachkriegsbohème: der dichtende Maler Friedrich Schröder-Sonnenstern. 1892 im ostpreußischen Kaukehmen geboren, feierte er sein zeichnerisches Coming out erst mit 57 Jahren. Seine skurrilen, von Dämonen bevölkerten Buntstiftzeichnungen, so sorgfältig und fein ausgeführt wie mittelalterliche Bibelillustrationen, machten ihn schlagartig berühmt. Hans Bellmer, Jean Dubuffet, Henry Miller und Georges Pompidou gehörten zu seinen Bewunderern. In Basel, Paris und Tokio stellte man seine Arbeiten aus.

Doch widersetzte er sich den Kunstmarktgesetzen. Fälschungen kam er zuvor, indem er selbst das Fälschen organisierte. Assistenten malten für ihn weiter. Auf manchen Blättern, darin dem späten Salvador Dali ähnlich, ist von seiner Hand allein die Signatur. Nun hat Klaus Ferentschik eine überfällige Biografie vorgelegt. Mit Lust an der Komik der Fakten lässt er Dokumente sprechen: Aktenvermerke, Krankenberichte, Zeitungsartikel, persönliche Erinnerungen von Kollegen und Freunden. Eine Fallgeschichte vom Psychiatrie- und Gefängnisinsassen zum „Moralisten unter der Narrenkappe“, die Legenda aurea eines modernen Don Quichotte.

Der Kunsthistoriker Peter Gorsen, seit einem halben Jahrhundert mit der Materie vertraut, hat dazu einen Essay beigesteuert, der die „gnostische Lebenstheologie“ des Künstlers zeigt. Anthropologie und Esoterik, christliche Heilsgeschichte und Psychoanalyse werden durcheinandergemixt. Die bunten Monster, die Schröder-Sonnenstern zeichnete, versinnbildlichen laut Gorsen „die metaphysische Sehnsucht der konflikthaften Wach- und Lebensschaukelkünste nach göttlicher Einswerdung.“

Würde Gorsen seine Erkenntnisse nicht ganz so expertenhaft zelebrieren, hätten auch weniger Wissende etwas davon gehabt. Doch andererseits macht gerade diese Mischung aus hochtrabender Exegese und biografischer Schnurre den Reiz dieses verdienstvollen Buchs aus – und die vielleicht einzig adäquate Würdigung dieses „Fürsten in der Welt des Wahns“. Richard Schroetter

Klaus Ferentschik und Peter Gorsen: Friedrich Schröder-Sonnenstern und sein Kosmos. Parthas, Berlin 2013, 340 S., 24 €

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