Kultur : Moralkeulen

SUSANNE MESSMER

Sehr smart kommen sie daher, diese ollen Rocker.Der wohlgescheitelte Sänger David Kincaid trägt Jackett und neigt den Kopf sehr elegant, wenn er wieder einen seiner gefühligsten und nasalsten Heuler rausquetscht.Doch täuscht das nicht darüber hinweg, daß sich die Brandos schon beim zweiten Lied als total unbelebte, fade, mittelprächtige Rockband entpuppt, die trotz oder vielleicht auch gerade wegen elf Jahren Geschichte auf der Bühne überhaupt nichts hermachen.Sie verkaufen sich als hart arbeitende Vollblutmusiker, deren mitreißende Musik so tief geht.Dabei sind sie schwerfällig wie Familienväter beim Betriebsausflug.Ihr Sex-Appeal ähnelt dem von Stachelbeerkompott, und doch berufen sie sich auf eine Rebellion, die wirklich nicht stattgefunden haben kann, wenn sie Bands wie diese hervorgebracht haben soll.Ein einziges Mal passiert im Columbia Fritz etwas, als der Sänger sein Banjo gegen eine Mandoline tauscht.Das bedeutet: Die Country- verwandelt sich in eine irische Show.Nur, daß die Brandos so viel mit Country zu tun haben wie Marlboro und so viel mit Irland wie Irisch Moos.Die in Pop eingeseichten Songs gleichen einander weiterhin wie ein Schrank dem anderen - blöde, öde, langweilig, voraussehbar und ganz und gar einfallslos.Sie handeln von einsamen Männern, enttäuschter Liebe und narzißtischer Nabelschau.Ab und zu ist zur Abwechslung auch mal Sozialkitsch dran: Die Moralkeule schlägt grausam zu, und die Brandos prangern an, sei es Drogenmißbrauch, Sexismus, die Widrigkeiten des Lebens oder überhaupt.Völlig wurscht, das.Einmal schreit einer wie verzweifelt: "Yippie!" Fehlte nur noch, daß ein anderer auf einem Pappgaul über die Bühne hoppelt, gewissermaßen als Ersatz für die wirklich wilden Dinger, die man sich früher mal geleistet hat.

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