Kultur : Mord im Glashaus

„Unbekannter Anrufer“: Simon Wests Thriller schockt auch ohne Schnur

Kolja Reichert

Dieses Haus hat zu viele Räume und zu viele Türen, und das Telefon läutet entschieden zu oft. Highschool-Darling Jill soll in einer durchdesignten und voll automatisierten Luxusvilla Kinder hüten. Der Kampf gegen das ferngesteuerte Kaminfeuer, die selbständige Unterhaltungselektronik und die Sprinkleranlage mit Zeitschaltuhr nimmt sie voll in Beschlag. Eine düstere Stimme am Hörer erinnert sie: „Hast du nach den Kindern gesehen?“ Hat sie nicht.

Jill wird klar: Ein Psychopath ist im Haus und hat sie an der schnurlosen Leine – sie hat nichts in der Hand als ein Telefon. „Haben Sie ihn gesehen?“, fragt der Polizist am anderen Ende der Leitung. Hat sie nicht. „Aber ich weiß, dass er mich sieht.“ Die Polizei hat nur Macht über Gefahren, die man sehen kann, für die unsichtbaren ist sie leider nicht zuständig. Dabei wirken sie, klassisches Horrorgesetz, am mächtigsten. Die dramaturgischen Mittel sind durchschaubar und die Handlung simpel. Aber naja, es ist halt ein Horrorfilm. Und sogar noch etwas mehr.

Der Plot stammt aus dem Telefonthriller-Klassiker „When A Stranger Calls“ (1979), aus dem schon die „Scream“-Trilogie schöpfte. Kein Remake wollten die Produzenten, sondern eine Aktualisierung. Handys und Rufnummernübermittlung haben dem Spiel mit dem Grausen neue Räume geöffnet. Die Bedrohung wird allgegenwärtig. Anders als im Original ist der Killer als Charakter unwichtig. Auch die anderen Figuren zeigen wenig Tiefgang. „Unbekannter Anrufer“ spielt mit dem Horror Vacui angesichts einer durchtechnisierten Umwelt, in der Mädchen selbst zum Accessoire ihres Handys werden und niemand weiß, was hinter all diesen schönen Geräteoberflächen eigentlich vor sich geht. Ein Thriller für die Zeiten des T-Com-Hauses.

Wie Jill, so hängt auch der Zuschauer in den Klauen übermächtiger Elemente, die streng Regie über den Adrenalinhaushalt führen: ein subtil drohender Soundtrack, der mit dunklen Streichern und Xylophonen klingt wie von Thomas Newman geklaut, ein aufwändiger Raumklang, der sich von allen Seiten anschleicht, und ein effektvoller und dennoch unaufdringlicher Schnitt.

Regisseur Simon West, bekannt durch Werbespots und die Videospiel-Verfilmung „Tomb Raider“, arbeitet auch in seinem neuen Film mit allen Mitteln des digitalen Hyperrealismus. Wobei das Ergebnis zwar steril, doch keineswegs gekünstelt aussieht. Die aalglatte Oberfläche macht Sinn. Sie passt zum Haus, zum Handy und zur durchgestylten Highschool-Mädchen-Welt. Es gruselt sehr effizient. So kann die Bedrohung am Ende sogar ihr Gesicht zeigen, ohne dass die Spannung schwindet. Selbst hinter Glas bleibt Jill ihr ausgeliefert. Und mit ihr der Zuschauer.

In 14 Berliner Kinozentren; OV im Cinestar SonyCenter

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