Kultur : Mord im Urlaubsparadies

Saisoneröffnung an der Dresdner Semperoper mit Verdis „Otello“

Sybill Mahlke

Der Stolz der Sächsischen Staatsoper auf ihre Sänger klingt bei einem Pressetreff im Dresdner Kempinski an. So ist es der Ensemblepolitik gelungen, Stephen Gould, den Bayreuther Siegfried, mit einem Premierenvertrag an die Semperoper zu binden. Der Star aus Virginia hat hier ein Stück Theaterheimat gefunden.

In dem neuen „Otello“ unter der Regie von Vera Nemirova singt er die Titelpartie. Der Tenor verleugnet bei Verdi die Anstrengung nicht. Es ist die Kantilene, die nur matt leuchtet in den Liebesgesängen und der Traurigkeit des Abschieds. Der Siegestriumph aber, den Gould als Chef der venezianischen Flotte aus der Loge des Zuschauerraumes herabschmettert, beflügelt seine Reserven wie die hoch dramatischen Rasereien der Eifersucht. Desdemona ist Anja Harteros, jung, fragil, mit anfänglichem Flackern in der Stimme, die allmählich zu Ruhe und Innigkeit findet. Der Jago sollte, auch wenn er als freundlicher Mitmensch dargestellt wird, im bösen Kern der Motor der Tragödie sein. Das schafft Anrzej Dobber nicht. Selbst in seinem Credo erscheint er eher wie ein zuverlässiger Nebenbei-Sänger. Dirigent Massimo Zanetti geht zügig daran, seinem internationalen Ensemble und der Sächsischen Staatskapelle Italianità zu entlocken. Einhellig wird die Musik gefeiert. Freude machen darin Wookyung Kim als Cassio und auch der Bass Jacques-Greg Belobo als Lodovico. Dieser Lodovico führt die venezianische Gesandtschaft an. Belobo hat einen starken Auftritt, weil der Sänger die dunkle Hautfarbe mit Autorität vertritt. So bildet er den Gegensatz zu der Schwäche des entwurzelten Otello, der sich im Affekt schwarze Schminke ins Gesicht reibt: Ein Fremdling überall.

Hier im dritten Akt, nachdem Otello, wahnbesessen, Desdemona vergewaltigt und gedemütigt hat, erreicht Nemirova ihren eindringlichsten Moment. Denn die Zeugen der Ohnmacht des großen Heerführers stehen wie unter Schock, zu gelähmt, um entsetzt wegzulaufen. Das Drama kommt endlich zu sich selbst. Viel ist in Dresden von Tsunami und Jahrhundertflut die Rede. Da Donner, Blitz und Orkan den „Otello“ eröffnen, erinnert die Inszenierung mit ihren Menschenwogen an die Naturkatastrophen. Umsturz, alles rennt, rettet, flüchtet. Eine Szene, die einschlägt. Aber die wilde Gewalt legt sich schnell und mit ihr der Wunsch der Menschen, sich am Meer sorglos zu erholen. Auch das ist richtig beobachtet. Wie jeder weiß, gilt Zypern als Urlaubsparadies.

Die Insel, auf der die Handlung während der Kämpfe zwischen Venezianern und Türken spielt, gehört bei Nemirova nun ganz der Badegesellschaft. Solche Modernisierung hat sie von ihrem Lehrer Peter Konwitschny geerbt, ohne dessen Treffsicherheit zu erreichen: Etwa des Fitnessstudios anstelle der Spinnstube in dessen Münchner „Holländer“.

Die Urlauber im „Otello“ ziehen mit Landkarten, Reiseführern, Schwimmflossen vorüber, bis es dem Publikum zu bunt wird. Dass man sich in Zypern am Strand einen Sonnenbrand holen kann, hat schon Peter Zadek in seinem Shakespeare-„Othello“ vor 30 Jahren entdeckt. Hier aber schiebt sich die Staffage hektisch vor das Stück als eine Mischung aus Operettenland und Ballermann. Das Bühnenbild von Johannes Leiacker zeigt eine Hotelanlage. Darin ein Kühlschrank mit Cola und Bier zur Selbstbedienung. Dass aber Otello in dieses Gerät klettert, um ein Gespräch zwischen Cassio und Jago zu belauschen, macht die Szene lächerlich. Dabei geht es um Desdemonas Tod.

Nemirova glaubt nicht an eine wirkliche irdische Liebe zwischen Otello und Desdemona. Zum Zeichen wird jenes Taschentuch, das Jago als Werkzeug seiner Intrige benutzt. Ein Tüchlein als Fetisch und Ersatzbefriedigung. Otello legt das zarte Gewebe auf das Gesicht seiner Liebsten, bevor er sie küsst. So stirbt die Wahrheit des Liebesduetts, bevor die Eifersucht des Mannes aus dieser Liebe Leiden schafft. Otello sieht in seinem Wahn, wie zahllose weiße Tücher vom Himmel regnen. Das Spiel mit dem Taschentuch führt zum Mord im Urlaubsparadies.

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