Kultur : Mord und Mobbing

Im Berliner Gorki Studio: „Terrorismus“ der Brüder Presnjakow

Christoph Funke

Die verlassenen Koffer auf dem Flughafen sind leer. Kein Sprengstoff, aber auch keine Bewegung mehr in der Luft und auf der Erde. Alle warten. Einer allerdings geht einfach nach Hause. Er akzeptiert den Terrorismus nicht und gerät mitten hinein. Diesen Sachverhalt bauen Wladimir und Oleg Presnjakow in ihrem Stück „Terrorismus“ ganz nüchtern auf. Kurze Sätze. Fragen, Antworten, mal ein knapp erklärender Bericht. Das scheint normal und alltäglich, und doch liegt Unheil wie eine greifbare Bedrohung in der Luft.

Aber der Flughafen ist ja erst der Anfang. Unser Mann geht in die Stadt. Da gibt es eine Einheitswohnung, einen Betrieb, einen Spielplatz, den Umkleideraum einer Zivilschutzkaserne. Mit diesen völlig unterschiedlichen, oder völlig gleichen Orten hat der Flüchtling zu tun, so oder so. Sie sind alltäglich, und in ihnen haust der Horror. Ehebruch, Gasexplosion, Selbstmord, Giftmischerei, nichts ist unmöglich – das Leben geht eben einfach seinen Gang. Unser entlaufener Passagier sitzt am Ende wieder im Flugzeug.

Wladimir und Oleg Presnjakow, promovierte Philologen, kommen aus Jekaterinenburg im Ural und schreiben zusammen seit vier Jahren Theaterstücke. In „Terrorismus“ gelingt es ihnen gnadenlos einfach, tausendmal gegebene Situationen zu beschreiben, die sich dann dem Verbindlichen, Unauffälligen Wort um Wort, Satz um Satz, Geschehnis um Geschehnis entziehen. Es gibt die Normalität nicht. In jedem Menschen steckt der Terrorist. Dieser aufgefundenen Wirklichkeit allgegenwärtiger Gewalt begegnen die Presnjakows mit spürbarem Staunen. Sie wollen herausfinden, warum das so ist. Und obwohl sie rücksichtslos mit ihren Helden umgehen, lassen sie ihnen eine Chance. Jean Baudrillard hat Terrorismus als „Schatten“ beschrieben, den jedes Beherrschungssystem wirft – und die Brüder Presnjakow lassen diesen Schatten auf kleine Begebnisse unter kleinen Leuten im gewöhnlichen Alltag irgendwo auf dieser Welt fallen – Terrorismus ist allgegenwärtig.

Bei der deutschen Erstaufführung des Textes im Studio des Berliner Maxim Gorki Theaters macht Regisseurin Sandrine Hutinet diesen Ansatz zum Prinzip ihrer Inszenierung. Zwei junge Männer, die in verschiedenen Rollen durchs Stück gehen, erweisen sich, aus dem Spiel heraustretend, als Ideologen, Trainer und Kommentatoren terroristischer Verhaltensweisen. Thomas Gerber und Andree-Östen Solvik spielen das mit fast humorvoller Sicherheit, so, als müsse nicht nur dem heimgesuchten, kopfruckend verständnislosen Flughafen-Flüchtling (Thomas Bischofberger), sondern vor allem auch den Leuten im Zuschauerraum etwas Vernünftiges beigebracht werden. Das hat einen Anflug von groteskem Humor, der die durchschnittlichen Geschichten auf die Ebene lustvoller Überlegenheit treibt.

Überhaupt will Sandriana Hutinet mit ihrem in schnellen Verwandlungen trefflich sicheren Ensemble jeden düsteren Realitätsbezug vermeiden. Die Bühne (Matthias Schaller) ist mit rosaroten, bankartigen, schnell verschiebbaren Möbelelementen bestückt, Umbauten erfolgen schnell, geschickt, geheimnisvoll, witzige Zeichen werden gesetzt, wenn hinter Spinden Beine hervorlugen oder der Zuschauerraum zum Spielort wird. Den Schrecken lässt die Regisseurin dabei nicht allein stehen, sie umgibt ihn bewusst mit Mummenschanz, aber die Verkleidung macht das Böse nur noch deutlicher. Denn gerade das nahezu Gemütvolle, mit dem die beiden Ideologen in gediegener schwarz-weißer Gewandung (Kostüme Hanne Günther) das Böse konsumierbar zu machen versuchen, schafft den doppelten Boden. Die schönste Szene im Stück übrigens liefern Ruth Reinecke und der eine mörderische Matrone spielende Thomas Gerber – zwei Weiber auf einer Parkbank, die enkelhütend Unheil ausbrüten und irgendwie doch hinreißend liebenswürdig sind.

Wieder am 24. und 25. April, 20 Uhr.

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