Kultur : Morgenland

Die Philharmoniker in der Waldbühne

Christiane Tewinkel

Neeme Järvi trägt nicht Frack und auch nicht Anzug, sondern ein eierschalenfarbenes Dinnerjacket über dunklen Hosen, unbedingt passend für diesen Frühsommerabend in der Waldbühne, fürs Fernsehen, das das jährliche Freiluftkonzert der Berliner Philharmoniker in diesem Moment überträgt, und für das Programm mit Stücken zum Thema „1001 Nacht“ sowieso. Das leicht Plüschige und zugleich Seigneurale des Neemeschen Dinnerjackets, dieses Casinoartige, Stehempfangs- und Zirkusdirektorenmäßige, dazu sein lässiges, übererfahrenes Dirigat – bloß nicht zu viel Schärfe!, nicht zuviel Engagement, um Gottes willen, immer mal cool bleiben: All das bringt mehr als Entspannung in diese Mittsommertausendundeinenacht. Probleme bei den Philharmonikern? Nie gehört davon. Krise der Klassik? No way.

Orientalmusik also, echt abendländisch nachgemacht und ausfantasiert. Und wie eh und je ist die Waldbühne ausverkauft. Lagern Menschen auf Wolldecken im Halbrund vor der Bühne und warten darauf, dass die Nacht sich senkt, wimmern Babys in Generalpausen hinein, werden Weißweinflaschen entkorkt, wird zur Bühnenmusik Bier getrunken. Irgendwann brennen Wunderkerzen. Klatschen und Jubeln schon aus Prinzip, schon, weil es ein so schöner Abend ist und die Philharmoniker so ausgelassen spielen, und natürlich muss am Ende, zum obligaten „Berliner Luft“-Um-ta-ta, dem kollektiven Gepflegtheitsexorzismus zum Saisonausklang, geschunkelt, gesungen, schrill gepfiffen werden – Järvi weiß, was er zu liefern hat. Und er gibt gern.

Mozart zuerst, die Ouvertüre zur „Entführung“, Schmiss und Schmetter, und schon wieder vorbei. Kürzer noch wird Carl Nielsens „Orientalischer Festmarsch“, eine herrlich aufgeblasene, verzogene Bühnenmusik, der die Art des estnischen Dirigenten gut zu Gesichte steht in ihrer Interessefreiheit, dem leicht Gnadenlosen, hygienisch Durchschlagenden. Die ersten Sätze von Rimsky-Korsakows Suite Scheherazade op. 35 dann, mit ihrem trudelnden Triolenleitmotiv, das Konzertmeister Daniel Stabrawa heiß in die kühle Waldesnacht hineinrinnen lässt, Zeit für sommerabendliches Träumen. Mit den letzten zwei Sätzen aus der Suite von 1888 wird das Programm ausklingen.

Kein philharmonischer Waldbühnenauftritt ohne schöne Frauen in schönen Kleidern. Immerhin ist das Fernsehen gekommen. So tritt die norwegische Sopranistin Marita Solberg auf, als Solveig für einen Satz aus Edvard Griegs „Peer Gynt“. Zunächst etwas befangen, lässt sie allmählich hören, was für eine mozartschöne, glockige Stimme sie hat. Ihr Auftritt ist da unglücklicherweise schon fast wieder vorbei, und ihre Landsfrau Ingebjørg Kosmo schlenkert kokett auf die Bühne, als Anitra, mit einem vielfarbigen, ungeheuer biegsamen Mezzosopran, dem Griegs Arabeskendraperien elegant von der Hand gehen.

Der eigentliche Knaller dieses Abends, der Einbruch des Seriösen ins Feierabendliche, kommt nach der Pause. Die junge niederländische Geigerin Janine Jansen tritt auf. In Bluthellrot. Das Kleid ist in diesem Fall allerdings egal. Denn Jansen scheint dieses Konzert als Einzige wirklich ernst zu nehmen. Sozusagen: geübt zu haben. Sie beginnt Massenets „Méditation“ still und falb, mit Sorgfalt für jeden Ton, nach und nach erst ausholend. Zeigt in Camille Saint-Saëns’ „Introduktion und Rondo capriccioso“ op. 28, wie interessant solcherart Bravourstücke klingen können, wenn man sich aufs erwartbar Zigeunergeigerische, die Klangklischees der Virtuosität nicht einlässt. Kiebig kann Jansens Spiel werden, scharf, elektrisch fast. Die Chromatismen des Rondothemas nimmt sie mehr und mehr schneidend spitz, in Kauf nehmend, dass Töne bei solcher Intensität hie und da nicht ansprechen. Toben im Waldbühnenrund, große Begeisterung.

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