Moritz Bleibtreu : "Goebbels war Satire"

Das Filmteam von Oskar Roehler über die Hybris der Branche und die Moral des Schauspielers.

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Die Stimmung ist angespannt. Man merkt es daran, dass der Moderator bei der Vorstellung des Filmteams Justus von Dohnányi vergisst, den Darsteller von Veit Harlan. Im Berlinale-Palast hatte es Buhrufe gegeben, zum ersten Mal nach einer Wettbewerbs-Pressevorführung in diesem Jahr. Also Vorwärtsverteidigung und auf in den Kampf. Moritz Bleibtreu entwaffnet die sich drängelnden, teils empörten Journalisten mit Ehrlichkeit. Über den echten Goebbels sagt er: „Der Typ ist Satire, die Nazis waren alle Satire.“ Über seinen Goebbels: „Das Clowneske fand ich geil, der Versuchung, das Original nachzuspielen, konnte ich mich nicht erwehren.“ Und fügt hinzu, dass er als Schauspieler in der Verantwortung steht, auch das Diabolische darzustellen.

Einige Fragen betreffen die historische Genauigkeit; dem Film war vor der Premiere Geschichtsfälschung vorgeworfen worden. Roehler, Drehbuchautor Klaus Richter, Bleibtreu, Martina Gedeck, sie alle sagen: Es ist ein Spielfilm, keine Dokumentation. Eine Interpretation, ein Melodram mit ironischen Momenten und „historischer Präzision bei den moralischen Parametern“. Deshalb die „nicht spekulative, sondern exemplarische Verdichtung“. Etwa die Erfindung der halbjüdischen Ehefrau (weil viele Künstler mit jüdischen Partnern so unter Druck gesetzt werden konnten). Ihr Name Anna Altmann ist eine versteckte Hommage, verrät Richter. So heißt auch die Hauptfigur in Käutners „Unter den Brücken“, dem Gegenstück zu Harlans „Jud Süß“.

Als ein Kollege darauf hinweist, dass der historische Ferdinand Marian anders als in Roehlers Film keineswegs in Ungnade fiel und ein Goebbels-Opfer wurde, ist das Podium dann doch kurz irritiert. Nein, sagt Roehler, er hatte sehr wohl einen Karriereknick. Ja, sagt Richter, Marian drehte danach etliche Filme, etwa die wunderbare „Romanze in Moll“. „Aber er hat sich den Jud Süß nie verziehen.“

Womit wir beim Thema wären, der Indienstnahme der Kunst und der Moral des Künstlers. „Stell dir vor, du bist auf dem Weg zum internationalen Weltstar, und Goebbels ist dein Manager“, bringt der Drehbuchautor sein Sujet auf den Punkt. Wieder redet Bleibtreu Klartext: „Wie groß ist der Kompromiss? 90 Prozent von dem, was wir machen, ist eine Art Kompromiss. Das ist der Grundkonflikt von uns Schauspielern.“ Hauptdarsteller Tobias Moretti spricht von der „Verführbarkeit“, nennt Roehlers „Jud Süß“ eine Engführung über die Manipulationsmöglichkeiten des Mediums Films.

Am Ende – Roehler skizzierte gerade die Selbstzufriedenheit, Gier und Hybris in den Salons der NS-Filmbranche – setzt Bleibtreu noch eins drauf. Heute gebe es „die gleichen saturierten, selbstgefälligen Manager in einer Industrie, die sich in nichts von damals unterscheidet“. Der Moderator findet, das sei ein gutes Schlusswort. Aber der Vergleich ist falsch, denn es ist ein Unterschied, ob ein Film des Profits wegen gedreht wird oder zum Zweck der Hetze gegen Juden. Die Hybris mag die gleiche sein, nicht aber die mörderische Konsequenz.

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