Kultur : Moritz Götze in der Galerie Schuster & Scheuermann

Elfi Kreis

Der Himmel hängt voller Handys, die sich nachts zu blinkenden Sternbildern formieren. Am Tag ist er hingegen heiter und strahlend blau. Allerlei absonderliche Flugobjekte des Dampfmaschinen- wie Elektronikzeitalters segeln dann über ihn hinweg. Am Horizont des Bildes ziehen Wolken aus Fabrikschloten auf, die sich dekorativ zu verschlungenen Ornamenten kräuseln. Muntere Rauchsignale, die aussehen wie flatternde Fahnenbänder, entsteigen auch der qualmenden Zigarette Marke "Mary Long" des Herrn Gö. Dieser Herr Gö, das zweite Ich von Moritz Götze, ist auf Papier und Leinwand allgegenwärtig. Comicartige Bilderbögen, die in einem pseudo-naiven Pop Art-Stil Geschichten von Freiheit und Abenteuer des Alltags erzählen, sind seit Jahren das Markenzeichen des Künstlers aus Halle.

Auf Leinwand umrandet ein dicker schwarzer Konturstrich die Flächen in leuchtenden, kräftigen Farben. Unbekümmert bringt Götze das banale Chaos des Alltags, hochfliegende oder exotische Träume und die kleinen Fluchten großer Sehnsüchte auf einen lapidaren Nenner. So beschwört er mit einem Hauch Melancholie in seinen neuen Bildern von 1999 "Verlorenes Glück" oder taucht bei "Wasser ist überall" als Schwimmer Herr Gö auf (je 11 800 Mark). Ringsum als schaukelndes Treibgut auf den Wellen sieht man Hut und Schirm, Telefon, Fass und Flaschenpost. Wenn Götze auf die hohe Suche nach der Blauen Blume der Romantik geht, wird er im Trivialen fündig: In einer Vase steht sie, daheim auf dem Tisch - und siehe, es handelt sich um eine gewöhnliche Treibhaustulpe. Mehrere Vasenbilder und Orden wider den tierischen Ernst entstanden auch in Email (1800 Mark) als Spätfolge eines Arbeitsaufenthaltes von Moritz Götze in einer Emailfabrik 1996.

Zuvor hatte der gelernte Möbeltischler, einstige Punkmusiker und ausreisewillige Überlebenskünstler als Dachdecker und Einpacker in einer Kohleanzünderfabrik gearbeitet, später folgte eine Gastprofessur an der Ecolé Nationale Supérieur des Beaux-Arts in Paris. Auf einer gemeinsamen Ausstellungtournee mit seinem Vater, dem Maler Wasja Götze, lassen sich die Pop-Art Familientraditionen zweier Generationen derzeit im Lindenau-Museum in Altenburg vergleichen. Das Museum Junge in Frankfurt / Oder eröffnete am 19. Dezember die Soloschau "Am Tag als der Maler kam" von Götze Junior.

Und noch eine Nachricht von Herrn Gö: Er outet sich als der einzig wahre Manfred-Krug-Fan. Ein Raum bei Schuster und Scheuermann zeigt Originalzeichnungen, die Krugs Buch "66 Gedichte, was soll das?" illustrieren. Die szenischen Buntstiftzeichnungen sind ein Verkaufsschlager, und nach Kunst- und Buchmessemarathon ist der Bestand an Blättern bereits enorm geschrumpft (2900 Mark). Wie Krug so schön im Buchvorwort schreibt: " ... es sind keine Gedichte. Was es aber sind, weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich kleine Blähbeulen im Kopf. Mein Freund Moritz Götze hat auch welche, aber die kann man wenigstens ankucken".Galerie Schuster & Scheuermann, Clausewitzstr. 2, bis 22. Januar; Mittwoch bis Freitag 13-19 Uhr, Sonnabend 10-16 Uhr.

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