Moritz Rinke : Zumwinkeln, bis der Vorhang fällt!

Deutschland in der Krise? Von wegen - so komisch war es noch nie. Der Dramatiker und Tagesspiegel-Autor Moritz Rinke über die Farce als höhere Gesellschaftsform.

Moritz Rinke
Moritz Rinke
Moritz Rinke.Foto: dpa

Die Farce ist im Theater eine Art Komödie, die das Ziel hat, den Zuschauer durch die Darstellung von möglichen, aber eher unwahrscheinlichen und völlig überspitzten, schablonenhaften Szenen zu unterhalten. Meist ist es so, dass eine Grenze überschritten wird und die Themenkomplexe Untreue, Lüge, Verfall der Sitten im Zentrum stehen.

Der Ort der Farce ist in der Regel ein Gesellschaftsraum, ein Familienraum, ein Büro, ein Hotel, ein Sanatorium, ein Café etc., in den Akteure auch aus dem gehobenen Milieu treten. Es geht zum Beispiel die Tür auf und ein Mann aus einer Bank kommt herein, ein Banker also. Die Farce eignet sich sehr gut für den Auftritt des Bankers, weil sie nämlich gegenüber unmoralischen Verstößen sehr tolerant ist.

In der Farce herrscht ein schnelles Tempo, das im Verlauf des Stückes noch schneller wird, und der Gesellschaftsraum. hat auch nicht nur eine Tür, sondern viele Türen, es kommen also ständig Leute herein – sagen wir viele Banker. Danach geht eine weitere Tür auf, und ein aufgedrehter Automanager könnte hereinplatzen, dem die Farce genauso wie den Bankern am Ende helfen soll.

Der Zuschauer ahnt jetzt schon: Kommt ein Automobilmann, werden bald die anderen Türen aufgehen und weitere kommen, eben wie bei den Bankern, es muss also gar nicht speziell nur ein Opelmann sein. Wir hatten ja schon gesagt, die Farce hilft, also kommt immer mehr Personal in den Gesellschaftsraum.

Volksvertreter treten auch auf, man spricht Knittelverse: Der eine hat den Auftrag, dass unsere Jugend trotz neuer Medien moralisch aufwächst, guckt aber ständig selbst Kinderpornos; der nächste kommt durch die gegenüberliegende Tür, er ist Landesgeschäftsführer der CDU-Mittelstandsvereinigung und in den Drogenhandel eingestiegen; als der nächste hereinkommt, sieht man einen Volksvertreter mit Skistöcken, der gerade aus unerklärten Gründen eine Frau zu Tode gefahren hat, aber weiterregieren will. The show must go on.

Das sind aber auch wirklich extrem farcenhafte Überspitzungen und eher unwahrscheinlich. Außerdem sind schon so viele Banker und Automänner (Volkswagen, BMW, Mercedes ...) und mittlerweile auch milliardenschwere Familienunternehmer und Autozulieferer im Raum (sowie die Lufthansa, die Allianz-Versicherung etc.), dass die Porno-, Drogen-, und Todes-Volksvertreter gar nicht mehr auffallen, ganz zu schweigen von denen, die Steuerhinterziehung betrieben haben, unbequeme Journalisten aus dem Amt jagen wollen oder den katholischen Kirchenvertretern, die auch im Gesellschaftsraum aufgetreten sind und immer noch seelenruhig warten, dass ihre Brüder sich mal ein bisschen über die Gaskammern im Holocaust informieren.

Die Schaeffler-AG, die Telekom, die Deutsche Bahn oder Lidl mit ihren schnüffel- und stasiartigen Spitzelaffären nehmen auch an der Farce teil, sind aber ebenso im Gesellschaftsraum in den Hintergrund gedrängt worden von ganzen Bankern, die ihre Probleme am lautesten vortragen. Merkwürdigerweise haben einige von ihnen trotz ihres ganzen Schlamassels Sonderboni-Zahlungen in der Hand, zum Beispiel halten die zehn Postbank-Vorstandsmitglieder 16, 2 Millionen Euro in der geballten Faust, bei gleichzeitigem Verlust der Postbank von 811 Millionen Euro! (We have the boni, you have the crash!) Einer will jetzt zusätzlich noch die Heldenrolle spielen und nur für einen symbolischen Euro arbeiten, was man ja auch sehr gut kann mit dem Sonderbonus, den komischerweise Aufsichtsräte genehmigten, die auch in unserem Finanz- und Wirtschaftsministerium sitzen! Mein Gott, das ist einiges los hinter den Kulissen.

Die Farce zeigt den Menschen in allen Bereichen als egoistisch, korrupt, stereotyp und sogar irrational, was uns ein anderer Banker zur Anschauung bringt, der sein Unternehmen mit dem schönen Namen Hypo Real Estate vor die Wand gefahren hat. Vorsichtigen Schätzungen nach wird dies den Zuschauer der Farce über 100 Milliarden kosten, aber Scham kennt die Farce nicht, im Gegenteil: der Hypo-Mann will 3, 5 Millionen mehr Lohn einklagen und tritt mit vielen und guten Anwälten an die Rampe.

So etwas kann man nur kapieren, wenn man weiß, was gespielt wird. Absurdität und völliger Widersinn sind Wesen der Farce, und es erinnert auch an Karl Marx, der meinte, Weltgeschichte würde sich stets zweimal ereignen, einmal als Tragödie (siehe 1929!) und einmal als Farce (2009!). Vor allem ist es in der Farce nicht üblich, über die Geschehnisse sonderlich lang zu räsonieren. Bloß nicht lange nachdenken! Dafür gibt es keine Zeit, und dafür gehen auch ständig zu viele Türen auf.

Besonders wartet man, dass eine Tür auf geht und der Retter hereinkommt. Oder die Retterin. Für die Bankmänner war sie schon da, aber sie wollen mehr. Bankmänner wollen immer mehr! Darum senken sie auch nicht die Kreditzinsen, sondern nur die Sparzinsen, obwohl das gar nicht im Sinne des Leitzins ist, aber warum sollten sie ausgerechnet jetzt, wo sich neue Quellen auftun, zurückstehen? Schließlich sind sie ja auch das System, und wer ihnen nichts gibt, der stellt doch das System in Frage, oder? Aber wie gesagt: Für solche Überlegungen hat die Farce eigentlich überhaupt keine Zeit.)

Wir warten also gespannt auf die Retterin oder den Retter. Und die kommen auch irgendwann. Beide gleichzeitig. Das wirklich Seltsame an dieser Farce ist nämlich, dass die Retterin und der Retter um die Wette retten, aber nicht, weil sie die anderen so gerne an sich retten würden, sondern weil sie auch sich selbst retten müssen, jeder für sich.

Das ist eigentlich das Oberabsurde an dieser Farce: Retter und Retterin arbeiten in einer immer absurderen Koalition zusammen, müssen aber nun laut Terminplan gegeneinander zusammenarbeiten, also gegeneinander das Land retten (Wenn man „Land“ sagt, meint man erst einmal die Banken). Die beiden vereinten Konkurrenten sitzen beim Retten jeder für sich taktierend hinter den Kulissen und rennen irgendwann mit Pauken und Trompeten in den Raum, wahrscheinlich sogar gleichzeitig durch eine Tür, so dass das ganze Bühnenbild wackelt. Das werden wir jetzt bald erleben.

Eine Komödie? Ja, auch eine Komödie. Nach Alan Ayckbourn zeigt die Komödie überspitzte Figuren in realen Situationen und die Farce reale Figuren in überspitzten Situationen. Momentan haben wir alles vermischt: reale Figuren in überspitzten Situationen, die aber so real sind, dass die Figuren alle überspitzt reagieren. So ist die Lage in Deutschland.

Wie endet eine Komödienfarce? Meist ist es so, dass es für diejenigen, die sich untreu oder kriminell verhalten haben, gut ausgeht. Man nennt das in der neueren Komödienfarce „Zumwinkeln“. Die Farce zumwinkelt also alles so hin, dass wir am Ende von einem Happy End sprechen können. Allerdings nur für die, die in der schönen Komödienfarce mitspielen dürfen. Die anderen, die kleineren Leute, die müssen zugucken und sich dabei überlegen, warum es eigentlich keine guten Vor- oder Leitbilder mehr gibt auf dieser Bühne und warum sie nicht einmal mehr anständige Mini-Kredite bekommen, um überhaupt letztlich überleben zu können.

Das sind dann schon eher wirkliche Trauerspiele oder schwere Tragödien. Und ob ihnen dann Karl Marx helfen wird mit seinem Wort, wonach sie irgendwann auch wieder als Farce stattfinden – das bleibt offen.

Der Rest spielt Ego-Shooter oder kümmert sich um seine Abwrackprämie.

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