Mortier und die Ruhrtriennale : Sanft sind alle meine Revolutionen

Gerard Mortier ist der einflussreichste Kulturmanager Europas: Für seine letzte Ruhrtriennale-Saison hat er noch einmal ganz große Namen verpflichtet. Ab Herbst will der Flame dann die Opéra de Paris erobern

Frederik Hanssen

„Man bezeichnet mich als Revolutionär. Dabei habe ich gar nichts erfunden. Ich habe alte Dinge mit neuem Blick betrachtet, mehr nicht.“ Auf die Saisonbroschüre seiner kommenden ersten Pariser Spielzeit hat Gerard Mortier ein Zitat des Komponisten Claude Debussy drucken lassen. Das ist zwar ziemlich kokett – trifft aber den Punkt. Der belgische Kulturmanager ist ein Spezialist für ungewöhnliche Blickwinkel. Und ein Meister des sanften Drucks. Je schärfer ihm der Wind ins Gesicht weht, je wilder die Traditionalisten gegen seine Produktionen Sturm laufen, desto ruhiger wird Gerard Mortier. Und desto besser. Mit seiner Programmpolitik der ruhigen Hand hat der 60-jährige Flame in der europäischen Musiklandschaft mehr bewegt als jeder seiner Kollegen.

Das Brüssler Opernhaus wurde in den Achtzigerjahren unter seiner Ägide zum wortwörtlich multikulturellen Musiktheater, auf Augenhöhe mit der Internationalität der EU-Zentrale. Das Image der Salzburger Festspiele hat er zwischen 1991 und 2001 komplett umgekrempelt, hat den „Zirkus Karajani“ zur Arena zeitgenössischer Interpretation erweitert. Ganz konsequent, ganz sanft, indem er sich weder von der Gift und Galle spuckenden Wiener Presse noch von den um ihren Hochpreistourismus besorgten Provinzgranden beeinflussen ließ.

Gerard Mortiers Intendanten-Herz schlägt für die genussfreudigen Intellektuellen unter den großen Künstlern unserer Zeit, für den dirigentischen Kugelblitz und passionierten Barockmodernisierer Marc Minkowski, für den Neue-Musik-Förderer Sylvain Cambreling, für die sensiblen Detailarbeiter wie Luc Bondy und Herbert Wernicke, aber auch für La Fura dels Baus oder Christoph Marthaler, also für die, die aus Liebe zum Werk Stücke zertrümmern.

Als man ihm im Sommer 2000 antrug, ein neues Festival im Ruhrgebiet aus der Taufe zu heben, kam ihm die Herausforderung gerade recht. Nach zehn Jahren an der Spitze der teuersten Edelfestspiele der Welt hatte er Lust darauf, den Blick der Kulturschickeria auf die ganz und gar nicht blühenden Landschaften zwischen Duisburg und Dortmund zu lenken. Er brach seine Zelte in Salzburg ab und ging nach Gelsenkirchen – um hier „das beste Publikum der Welt“ (Mortier) zu finden. Unverbildet, im positivsten Sinne: „Wo sonst die Leute mit vorgefertigten Meinungen ins Theater kommen, da sind die Leute hier offen und direkt.“

Dabei war das Ruhrgebiet schon vor der Ankunft des Belgiers wahrlich keine Kulturwüste. Abseits der üblichen Routen des Jetset und weitgehend unbemerkt von der überregionalen Presse, wird hier solide Kunst gemacht, Basisarbeit mit Breitenwirkung. Kein Wunder, dass sich die lokalen Theaterpatriarchen vergrätzt zeigten, als ihr ehrgeiziger Ministerpräsident Wolfgang Clement ihnen Gerard Mortier vor die Nase setzte. Dabei wollte der Flame den Stadttheatern das Abo-Publikum gar nicht wegnehmen. Vielmehr ging es darum, die aufwändig umgebauten Orte der Industriekultur als Kulturstätten zu nutzen, für temporäre Events, mit internationalen Gastproduktionen. Wie von ihm erwartet holte Mortier die Avantgarde in den Pott. Stars wie Bill Viola, Elvis Costello, Ilya Kabakov oder Alain Platel begeisterten sich für die Aura der Hallen und Kraftwerke. Und die Leute kamen, nach anfänglicher Skepsis, wollten sehen, was der Kulturmanager mit dem vielen Geld gemacht hatte.

Jetzt, zum Abschied nach drei Jahren, zaubert Mortier noch einmal zwei ganz große Namen aus dem Hut: Ariane Mnouchkine und Peter Brook. Die Regisseurin bringt Anfang Juni „Le dernier caravansérail“ aus Paris nach Bochum; eine Produktion, die viel mit dem Ruhrgebiet zu tun hat, wie Mortier betont: „Auch hier gibt es jede Menge Leute, die von zu Hause aufgebrochen sind, auf der Suche nach einer Zukunft für sich und ihre Kinder.“ Und Peter Brook wird in der Duisburger Gebläsehalle im Juli eine Uraufführung präsentieren, eine theatralische Recherche über den afrikanischen Kontinent. Beide Produktionen sind Kassenfüller und dürften Mortier zu einem glanzvollen Abschied verhelfen. Denn die Amtszeit des Ruhrtriennale-Intendanten ist auf einen Dreijahres-Zyklus festgelegt. Jürgen Flimm, die Nummer zwei, übernimmt im August eine gut laufende Festivalmaschinerie. Und Gerard Mortier ist auf dem Sprung zu neuen Abenteuern: Wenn am 24. Juli der letzte Applaus in Bochum verklungen ist, wendet er den Blick westwärts.

Dann gilt es, die Pariser Oper zu erobern. Neben vom Vorsitz der Berliner Opernstiftung ist der Chefsessel in der französischen Hauptstadt wohl der heißeste Stuhl im internationalen Musikbusiness. Das Publikum ist snobistisch, die Belegschaft äußerst streikfreudig

800000 Zuschauer hat sein Vorgänger, Hugues Gall, jährlich in die beiden Häuser gelockt – und damit die Latte sehr hoch gelegt. Mortier allerdings kennt sich aus mit der Mentalität der Pariser, hat er doch von 1979 bis 1981 als Programmchef im Palais Garnier unter Rolf Liebermann gearbeitet und in den späten Achtzigern im künstlerischen Planungsstab für die Opéra Bastille, als das neue Haus unter viel Skandalgetöse entstand.

Den Pariser Hauptstadtintellektuellen wird Mortiers Einstands-Spielzeit garantiert jede Menge Gesprächsstoff liefern. Allein schon, weil deutschsprachige Regisseure dominieren: Klaus Michael Grüber inszeniert Janaceks „Aus einem Totenhaus“, Karl-Ernst und Ursel Herrmann widmen sich Mozarts „Titus“, Matthias Hartmann wagt sich an „Elektra“. Außerdem bringt Mortier Christoph Marthalers Salzburger „Katja Kabanova“ mit an die Seine. Berlins Volksbühnenchef Frank Castorf, der in Paris gerade hoch gehandelt wird, hat Mortier überredet, Verdis „Rigoletto“ zu inszenieren.Nur für Peter Konwitschny, den weltweit besten Opernregisseur, ist die französische Hauptstadt noch nicht reif, findet der Kulturmanager: Der sei dann doch zu radikal in seinem interpretatorischen Zugriff.

Einen Chefdirigenten wird es in den kommenden fünf Jahren übrigens an der Opéra de Paris nicht geben. Sich dem hausinternen Machtkampf mit einem Maestro auszusetzen, dazu hatte Mortier nach den vielen Alleinherrscher-Jahren als Festival-Intendant dann doch keine Lust. Sanfter Revolutionär, der er ist, vermag Mortier allerdings auch diese Entscheidung elegant als zukunftsweisend zu verkaufen: Wer für jedes Werk den besten Maestro wolle, müsse sich angewöhnen, mit einem Team von hochkarätigen Spezialisten zu arbeiten. In seinem Fall werden das Kent Nagano und Sylvain Cambreling, Esa-Pekka Salonen, Christoph von Dohnanyi, Vladimir Jurowski und Valery Gergiev sein. Kirsten Harms, neue Intendantin der chefdirigentenlosen Deutschen Oper Berlin, dürfte solche Argumente mit Interesse registrieren.

Ab 8. Juni ist in der Bochumer Jahrhunderthalle Ariane Mnouchkines zweiteiliger Odysseus-Zyklus „Le dernier caravansérail“ zu sehen. Weitere Infos: www.ruhrtriennale.de, www.operadeparis.fr

GERARD MORTIER

1943 in Gent geboren, leitete ab 1981 die Nationaloper in Brüssel. 1991 übernahm er für zehn Jahre die künstlerische Leitung der Salzburger Festspiele.

DIE RUHR-TRIENNALE

wurde 2002 ins Leben gerufen, mit Gerard

Mortier als Künstlerischem Direktor. 2005 tritt Jürgen Flimm die Nachfolge an. Das Bild zeigt Mortier (links) mit Ariane Mnouchkine und Peter Brook in Duisburg.

ZUR NEUEN SPIELZEIT

wechselt Mortier als Chef an die Pariser Oper. Seine erste

Saison ist geprägt von deutschen Regisseuren: Christoph Marthaler, Klaus Michael Grüber, Matthias Hartmann und Frank Castorf

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