Morton Rhue: "Dschihad Online" : „Hinterfragt, was die Menge schreit“

Das Abgleiten zweier Brüder in den radikalen Islam schildert Morton Rhue in seinem Jugendroman „Dschihad Online“.

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Morton Rhue sieht sein neues Buch ganz in der Tradition seines Welterfolges "Die Welle".
Morton Rhue sieht sein neues Buch ganz in der Tradition seines Welterfolges "Die Welle".Foto: Ravensburger

Sie waren dem amerikanischen Traum gefolgt, nachdem sie die Hölle von Sbrenica überlebt hatten – das Massaker der Serben an den Bosniern. Die Eltern bekamen mit ihrem kleinen Sohn Amir ein Visum für die USA, Bruder Khalil wurde dort geboren, ist also amerikanischer Staatsbürger. Morton Rhue erzählt die Geschichte der beiden Brüder in seinem Roman „Dschihad Online“ aus der Perspektive des 16-jährigen Khalil. In seiner retrospektiven Erzählung wird der Leser Zeuge ihres Abgleitens in den radikalen Islam.

Am Anfang steht die Enttäuschung der Familie: Der Traum vom besseren Leben in den USA hat sich nicht erfüllt. Khalil geht zwar zur Schule – ein vielversprechender und beliebter Schüler –, doch die Eltern kehren aus familiären Gründen heim nach Bosnien. Ihre Söhne lassen sie mit beschränkten Mitteln in den USA zurück, damit sie den Aufstieg schaffen. Dass die Eltern Amerika verlassen haben, weiß allerdings niemand. Und so gibt fortan Amir, der sich etwas Geld bei dem dubiosen Autoverleiher Ruslan verdient, als großer Bruder den Ton an.

Khalil kann sich dem Druck des Älteren nicht entziehen und beteiligt sich an dessen kleinkriminellen Tätigkeiten. Die Freunde in der Schule vermissen ihn – so etwa Vitaly und Angie, das Mädchen aus besserem Hause, das sich zu Khalil hingezogen fühlt. Dieser ist hin- und hergerissen: Er hat kein einfaches Leben, aber die bosnische Community stützt die Brüder, so gut es geht. Seit die Eltern das Land verlassen haben, besucht Amir freitags die Moschee, sie gibt ihm Halt, so scheint es.

Weil Amir wegen Ladendiebstahls rechtskräftig verurteilt wird, flattert ihm der Ausweisungsbescheid ins Haus; da kennen die USA kein Pardon. Er beschließt unterzutauchen – und den Bruder mitzunehmen. Dadurch schwänzt dieser immer öfter die Schule, wo ihm die Lehrer ja eigentlich helfen wollen, auf den rechten Weg zurückzufinden.

Fluchtort Internet

Morton Rhue erzählt eindringlich, wie Amir immer mehr in die Islamistenszene abgleitet, wie er die Propagandavideos aus dem Internet konsumiert, was Khalil zunehmend verunsichert. „Jeder glaubt, dass seine Seite recht hat, aber es gibt immer zwei Seiten. Wer glaubt, der Westen sei immer gut und der Islam immer böse, hat genauso unrecht wie jeder, der das Gegenteil behauptet. Auf jeden Dschihadisten mit einer Kalaschnikow kommt ein islamophober Rassist in einem Pickup. Und beide glauben inbrünstig, ihr Gott sei der einzig wahre.“

Rhue hat keinen konkreten Fall als Vorlage für seinen differenzierten Roman gewählt, sondern Details aus einer Fülle von Fällen verwendet, um das Abgleiten in die Radikalität differenziert zu beschreiben. Er könne kein bestimmtes Muster erkennen, hat er einmal in einem Interview gesagt, aber es seien auch viele junge Männer mit guter Schulbildung in den Dschihad gezogen. „Der einzige Ort, an dem er sich wohlfühlte, war das Internet“, sagt Khalil über seinen großen Bruder, der an der Highschool einfach nicht Fuß fassen konnte.

In kurzen Kapiteln mit Rückblenden auf den Werdegang der Familie erzählt Rhue, wie sich die Brüder immer mehr radikalisieren. Dabei gerät Khalil zusehends unter den Einfluss seines großen Bruders. Sie diskutieren die Lage der Muslime in der Welt, in Palästina und in Dagestan. Und auch Khalil muss sich eingestehen, dass er sich nicht wirklich als Amerikaner fühlt, sondern dass er nur gerne so tut als ob. Sie debattieren über die Kriege, in die die USA verwickelt sind und über die unterschiedliche Bewertung der Opfer. Daraus leitet Amir das Recht ab, selbst gewalttätig zu werden – und einmal im Leben im Mittelpunkt zu stehen.

Der US-Amerikaner Morton Rhue hält seinen Landsleuten und anderen westlichen Lesern den Spiegel vor. Er bemüht sich, zu verstehen, warum junge Muslime durch die Bilder aus der Krisenregion Nahost und die Propagandavideos der Islamisten radikalisiert werden.

In Angie findet Khalil eine junge Amerikanerin, die sich für Muslime interessiert, sie gegen Pauschalisierung in Schutz nimmt und die Kriege der Amerikaner kritisch sieht. Auch die Folgen der Einwanderungspolitik der USA werden thematisiert. Als sein Freund Vitaly abgeschoben und ein Kumpel Amirs erschossen wird, ringt Khalil mit seinen Identitäten, und es kommt schließlich zum Äußersten – das hier aber nicht verraten werden soll. Trotz aller Widersprüche kommt Khalil zu dem Schluss, dass es „wahrscheinlich kein besseres, freieres und chancenreicheres Land auf der Welt“ gebe.

„Ich hoffe, dass ich gefährdete junge Männer und Frauen erreichen kann mit der Aufforderung, vorsichtig mit dem umzugehen, was sie im Internet sehen und lesen – besonders von bestimmten Autoritätspersonen“, sagt Rhue. „In mancherlei Hinsicht ist diese Geschichte für mich eine heutige Version von ,Die Welle’. Ich will junge Menschen auffordern, kritisch zu hinterfragen, was die Menge schreit.“

Morton Rhue: Dschihad Online. Aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner. Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 2016. 256 Seiten. 14,99 Euro. Ab 14 Jahren.

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