Mosebach : Es lebe der König!

Nihilismus und Widerstand: Martin Mosebach nimmt in Darmstadt den Büchnerpreis entgegen und erklärt "Dantons Tod".

Christoph Schröder
Mosebach
Polemische Debatte: Martin Mosebach ist Büchnerpreisträger. -Foto: ddp

Lange hat es im Vorfeld der Büchnerpreis-Verleihung nicht mehr eine solch polemisch geführte Debatte um den Preisträger gegeben wie in diesem Jahr um Martin Mosebach. Seit bekannt wurde, dass der 1951 in Frankfurt am Main geborene Mosebach die mit 40000 Euro dotierte Auszeichnung erhält, werden alte und neue Feuilleton-Grenzlinien abgesteckt, längst vergessene Rechnungen beglichen; Ressentiments vermischen sich mit wohl begründeten Argumenten.

Nun hat Mosebach also den Büchnerpreis, den, wie es heißt, bedeutendsten deutschen Literaturpreis. In einer rund zweistündigen Veranstaltung im Großen Haus des Darmstädter Staatstheaters waren zuvor der Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay an den Theaterkritiker Günther Rühle und der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa an den Biologen Josef H. Reichholf übergeben worden.

Was fiel auf? Zunächst einmal, dass zwei Begrüßungsansprachen, drei Laudationes und drei Entgegnungen möglicherweise mehr Aufmerksamkeit fordern als man an einem Samstagnachmittag aufzubringen vermag. Weiterhin, dass die Reden relativ matt blieben und zudem noch teilweise hölzern vorgetragen wurden. Vor allem jedoch, dass man es mit zwei Feierstunden zu tun hatte, die sich durch einen expliziten Verzicht auf Heutigkeit hervortaten.

Das nahm bereits seinen Anfang, als Klaus Reichert, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die den Büchnerpreis verleiht, in seiner Begrüßung allen Ernstes die so zutreffende wie wohlfeile Phrase vom „Verfall der Sprachkultur“ auspackte und gegen „Computer und Popgedröhn“ ansprach. Drei Tage lang hatte sich die Akademie zuvor in ihrer Herbsttagung mit der deutschen Sprache auseinander gesetzt – und das soll die Quintessenz sein?

Auf der Suche nach der Gegenwart also: Wenig überraschend, dass man sie bei Merck-Preisträger Günther Rühle, der eine zu Beginn höchst unterhaltsame Rede hielt, nicht fand: „Wir brauchen ein Theater, das die vergangene Zeit – unser aller Vorleben – nicht in den verlotterten Kostümen unserer bedeutenden, aber nur schütter begriffenen Gegenwart ertränkt.“

Freud-Preisträger Josef H. Reichholf hingegen setzt sich bereits seit langer Zeit mit heute heftig diskutierten Problemen auseinander; ist ein Kämpfer gegen jede Form von „Ökologismus“ einerseits und Ankläger der Naturzerstörung andererseits. Reichholf plädierte in seiner Dankesrede für eine in verständlicher Sprache verfasste Wissenschaftsprosa. Schließlich der Büchnerpreis. Laudator Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller und frisch gewähltes Mitglied der Akademie, war in seiner Laudatio sichtlich bemüht, die Begeisterung, die Martin Mosebach für sein dezidiertes Bekenntnis, ein Reaktionär zu sein, erntet, in die Begeisterung für einen Romancier zu verwandeln, der mit der alten Form spielt. Mosebach erkläre eine literarische Tradition für überholt, so Kermani, indem er sie unter heutigen Zeichen fortführe. Und: Mosebach gebe „das Gewand, in dem seine Werke daherkommen, ebenso der Lächerlichkeit preis wie den Lebensstil, den sie zu feiern scheinen.“

Dieser so wohlwollenden wie gewagten Deutung seines Oeuvres stand Martin Mosebachs Dankesrede mit dem Titel „Ultima ratio regis“ entgegen. Mosebach interpretierte die letzten Worte der Lucile Desmoulins in Georg Büchners Stück „Dantons Tod“ – „Es lebe der König!“ – auf seine eigene Weise: Es sei „der knappeste, auf eine poetische Formel gebrachte Protest, dass Menschen Nichtse seien oder zu Nichtsen gemacht werden sollen. Der König als letzte, inzwischen ganz und gar geschleifte Bastion gegen den Nihilismus, so erscheint mir die Botschaft der Lucile.“

Ob Büchner, wie Mosebach glaubt, tatsächlich „ein Gefühl der Verluste, die die Revolution forderte“, befallen hat, als er sein Stück schrieb, mag offen bleiben, ebenso wie die Frage, ob es eine geglückte Wendung ist, eine direkte Verbindungslinie vom Paris des Jahres 1789 zum Posen des Jahres 1939 zu ziehen. Auffällig war: Wann immer sie Büchner zitierte, bekam Mosebachs Rede eine geradezu verblüffende sprachliche Frische. Da war sie doch, die Gegenwart. Ansonsten hätte man sich gewünscht, dass irgendwer, symbolisch gesprochen, ein Fenster aufgerissen und eine Brise des zu Beginn dämonisierten Zeitgeistes in diese Akademieveranstaltung hineingelassen hätte.

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