Moshammeroper : Engel und Bengel

Die Neuköllner Uraufführung einer Münchner Tragödie - nach knapp 90 Minuten hinterlässt die Belustigung den stärksten Eindruck.

Thomas Lackmann
Moshammer
Sänger Hubert Wild als Moshammer, ein Stoffpelz als Daisy -Foto: ddp

BerlinStar des Abends sind die Adabeis. Held des Abends ist der Schmerzensmann. Es darf gelacht und gedacht werden. Die Uraufführung der „Moshammeroper“ dauert knapp 90 Minuten. Die Radionachricht von der Ermordung des Modeschöpfers wird zwischendurch eingespielt. Die Neuköllner Oper löst den bekannten Plot auf – in Klänge, Bilder, kühle Gefühle.

Die Adabeis mit Wespentaille und Boutiquentüte stöckeln als Kolumnistin Klette (Leigh Adoff) und Tischgesellschafts-Präsidentin von Klunker (Friederike Harmsen) durch die Tragödie. Sie kriegen die meisten Lacher und singen „Küsschen hier … Küsschen da“. Sie smalltalken robotergleich „jajajajajaja“; blubbern, kieksen, kreischen. Souffliert von scheppernden Klangkonserven des ewigen Gerüchts. Sie lechzen nach der schrillen Vita des fetten Couturiers. Sie hoppeln und kläffen wie sein Hündchen. Wenn er auf der Jagd nach dem letzten Kitzel stranguliert wird, stöhnen sie vorm Goldvorhang des Séparées. Dann schreien sie herzzerreißend. Dann lachen sie unbändig. Dann ist es still.

Der Schmerzensmann Ludwig (Hubert Wild) ist nicht mal dick, trägt grünes Breitcord, eine schwarzgelockte Jesus-Perücke, manchmal Zwirbelschnurrbart. Sucht Berührungen. Monologisiert mit dem Spiegelbild. Krümmt sich in Leidensfiguren. „Ich kann nicht mehr … so erschöpft … Ich muss den Tod parfümieren, damit er duftet wie ein Gedicht“. Seine Bezugspersonen sind „Engel“ (Regine Gebhardt) und „Bengel“ (Markus Vollberg): hier die gute Mutter mit blauer Perücke oder die Wahrsagerin; dort der prollige Selbstmörder-Vater mit Knarre, oder der Killer-Stricher in Rüschenhemd und Krokohose. Moshammer, von ganz unten aufgestiegen zum Promi-Kasper, durchwandelt Münchner Vorhöllen als Märchenkönig.

Clou des Abends ist die Ausstattung. Durchs Publikum schlängelt sich ein roter Catwalk. Daneben ein Stehtisch mit Champagnergläsern. Die Bühne ist der kahle Außenraum des Herrenschneiders, mit altarähnlicher Bank, Kruzifix und dem Leuchtrahmenspiegel zur Anprobe. Am anderen Saalende Ludwigs Privatissimum: das neongrell erleuchtete Himmelbett mit Totenkopfwäsche, sein Séparée und Schrein, umhüllt von Vorhangglanz, der auf und nieder fällt. Hier verrenkt sich der Einsame, träumend, weinend. Hier wird Sex gemacht und gestorben.

Herausforderung des Abends ist die Musik. Moshammer-Fans und -Voyeure hätten ein sentimental-satirisches Moshammer-Musical wohl gern angenommen. Das kriegen sie nicht. Bruno Nelissens Komposition – für zwei Violinen, Bratsche, Cello, Trompete – bleibt dissonant, kratzig, jaulend, sehnsuchtsvoll zerrissen und unversöhnt. Ein abgewetztes Zitat des Walkürenritts (wenn die Adabeis zu läufigen Hündinnen mutieren) bleibt das einzige Zugeständnis an Hörkonvention. Die Sänger meistern ihre Zerreißproben. Den Hunger nach Wohlklang befriedigt nur das emphatische Gejohle eines präkomatösen Frauenchors. Ralph Hammerthalers poetisch-pointiertes Libretto ist, wie das zur seriösen Oper gehört, oft kaum zu verstehen.

Der PR-Gag des Uraufführungsortes – hähä, das prekäre Neukölln als Berliner Pranger der Isar-Society! – verpufft. Die Tragödie tut keinem weh. Moshammers von morgen bleiben draußen an der Karl-Marx-Straße, in Dönerland. Die Belustigung hinterlässt den stärksten Eindruck. Die Placebo-Moral der Inszenierung (Robert Lehmeier; musikalische Leitung: Frank Zacher und Roland Vieweg) geißelt und bedient das München in uns allen. Ecce Homo? Wir waren dabei.

Neuköllner Oper: 25./26. 8., 30./31. 8., 1./2. September, jeweils 20 Uhr.

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