Kultur : Moskau mag es malerisch

Eine andere Tradition: Berlins russische Partnerstadt präsentiert ihre neue Architektur im Alten Stadthaus

Bernhard Schulz

Straßenbahnen fahren schräg durchs Bild, Sendemasten streben in die Höhe, und auf der ovalen Kuppel des neuen Planetariums prangt ein – gewiss roter – Stern. Der Zeitungskiosk zeigt Weltläufigkeit mit dem Angebot deutscher Zeitschriften wie „AIZ“, „Woche“ und „Mode“; eine an den Kiosk gelehnte Handverkäuferin von Zigaretten des Nahrungsmitteltrusts „Mosselprom“ indessen verrät die Verfügbarkeit billiger Handarbeit. Moskau in der Zwischenkriegszeit war eine Zukunftsmetropole auf Versprechen, und Alexander Rodtschenko ihr fotografischer Prophet. Seine Aufnahmen inszenieren die Sowjethauptstadt in dynamischen Perspektiven, wo die Motive selbst eher von Beschaulichkeit sprechen. Gleichwohl sind es großartige Fotografien; und es war eine hinreißende Idee, das Begleitbuch zur Ausstellung mit Rodtschenkos Ansichten im Russischen Haus Berlin als Postkartenbuch zum Heraustrennen zu gestalten.

Die zwanziger Jahre Sowjetrusslands in Gestalt der konstruktivistischen Bauten werden im Westen bewundert. In Russland selbst gelten sie seit dem Zerfall des Sowjetreichs als Ausgeburt des bolschewistischen Irrwegs und werden bewusst missachtet. Ein Umdenken setzt erst allmählich ein; und so nahm es Moskaus ebenso energischer wie autoritärer Oberbürgermeister Juri Luschkow mit Selbstverständlichkeit hin, als er eingangs der von ihm (gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Wowereit) im Alten Stadthaus am Molkenmarkt eröffneten Ausstellung „Das andere Moskau“ unter den Beispielen von Restaurierungen neben den von ihm bevorzugten Gotteshäusern auch zwei der legendären „Arbeiterklubs“ vorfand.

Die bis Ende Juli dauernden „Moskauer Tage in Berlin“ machen mit einer Fülle von Veranstaltungen auf die jüngsten Wandlungen der russischen Hauptstadt, der Partnerstadt Berlins, aufmerksam. Die zentrale Ausstellung zeigt unter dem Titel „Das andere Moskau. Neue Formen einer alten Stadt“ die Neubautätigkeit der vergangenen Jahre.

Von deren Auswüchsen spricht die von Nikolai Malinin sorgfältig erarbeitete Ausstellung nur zurückhaltend. So fehlt zum Beispiel der monströse „Triumph-Palast“ an der Peripherie Moskaus, eines der spekulativsten Projekte des gegenwärtigen Baubooms. Das Augenmerk des jungen Architekturkritikers gilt stattdessen einer seriösen, um Qualität und Authentizität bemühten Architektur, wie sie sich nach den ersten Jahren heilloser Stilverwirrung und pseudo-postmoderner Verkitschung mittlerweile durchzusetzen beginnt.

In einem für westeuropäische Verhältnisse ungewöhnlichen Ausmaß gilt die Moskauer Bautätigkeit dem Wohnungsbau. Die Jahrzehnte der zwangsbelegten „Komunalka“, der von mehreren Familien geteilten Gemeinschaftswohnung, steckt den Hauptstädtern noch in den Knochen. So gilt das – vom eigens gewählten Innenarchitekten gestaltete – Appartement noch dazu im Hochhaus als vorrangiges Konsumziel.

Die Moskauer Stadtregierung ist bestrebt, das Flächenwachstum der 10-Millionen-Stadt zu begrenzen. Daraus folgt der Massenwohnungsbau an der Peripherie, die mittlerweile durch den geplanten vierten Straßenring um die Metropole markiert wird; in großem Stil bereits zur Breschnew-Zeit geübt, tritt ihm nun der Bau komfartabler, bis über 50-stöckiger Hochhäuser mit allerlei fantastischen Dachaufbauten zur Seite. In der Stadt selbst gelten unterschiedliche Zonierungsvorschriften; und in einzelnen Quartieren wie dem malerisch durchgrünten Ostoschenka-Viertel finden sich Wohnhäuser, die keinen Vergleich mit westlichen Beispielen scheuen müssen. Andererseits gibt es Spielereien wie „das Ei“ des viel beschäftigten Sergei Tkachenko: ein knallrotes Wohn-Oval als Blickfang vor turmbekröntem Mehrgeschosser.

Der Bürohausbau folgt meist den langweiligen Vorbildern des Westens; es ermüden die funktionslos gekrümmten Fassaden aus Edelstahl oder verspiegeltem Glas. Dann schon lieber die klotzige Stalinzeit-Replik des streng symmetrisch komponierten Turmhauses am Paweletzker Bahnhof, das sich lediglich in seinem groben Betondekor als Kind der Gegenwart zu erkennen gibt.

Der Eklektizismus, dem ein Gutteil der neuen Bauten zuzurechnen ist, kennt neben zusammengeschusterten Renditeobjekten durchaus Beispiele eines gebildeten und ironisch gebrochenen Stöberns in den Formen der Vergangenheit. Von Sergei Tkachenko, der als Chef eines Büros von bis zu 300 Mitarbeitern zu den Großen der Profession zählt, stammt das anspielungsreiche Renaissance-capriccio des Wohnhauses „Patriarch“ – mit einer Tatlins Denkmalentwurf für die „III. Internationale“ von 1918 paraphrasierenden Dachbekrönung.

Die wahren Superlative aber lauern noch auf den Zeichenbrettern. Am Rande der Innenstadt soll „Moscow City“ entstehen, ein Verwaltungszentrum nach dem Muster der Pariser Bürostadt „La Défense“. Der Wettbewerb für den Neubau der Stadtduma hinterließ manche Blessuren – am Ende entschied, ganz nach altem Brauch, OB Luschkow und wählte das russische Büro Chasanow/Nagawizyn/Kancheli für ein 200-Meter-Haus mit vier durchgängig verbundenen, verglasten Rundtürmen.

Es ist eine eigentümliche Mischung aus fortbestehenden staatlichen Bürokratien, halbprivatisierten „Instituten“ und selbständigem Unternehmergeist, der die Moskauer Bautätigkeit bestimmt. So gebietet der Moskauer Chefarchitekt Alexander Kusmin über eine fein abgestufte Behördenhierarchie mit insgesamt 8000 Angestellten. Dass die staatlichen Baubetriebe noch nicht aufgelöst sind, wusste er gerade für Berliner Ohren einleuchtend zu erklären: das sei allemal „besser als 400000 arbeitslose Bauarbeiter auf der Straße“.

Und das fantastische Stilgemisch so vieler Moskauer Neubauten? Der Architekt Alexej Woronzow nennt es „eine Reaktion auf die grauen Jahre, die wir alle im Sozialismus verbracht haben“, aber auch auf die Tradition der russisch-orthodoxen Kultur, die „mehr Wert legt auf Dekoration, die malerischer, weicher und weniger rational ist als die protestantische Tradition im Westen“. Darüber ließe sich trefflich streiten. Richtig allerdings ist es, die Architektur des neuen Moskau unvoreingenommen und im Bewusstsein eines eigenen, ungemein reichen und faszinierenden Kulturerbes zu betrachten.

Altes Stadthaus, Molkenmarkt, bis 16. Juli, Katalog liegt aus; Russisches Haus, Friedrichstraße 176–179, bis 13. Juli, Katalog 15 €.

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