Kultur : Moskauer Türspalt

Ein

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von Bernhard Schulz

Es schien ein Durchbruch zu sein, als Anfang Juli hochrangige Vertreter der hiesigen Staatlichen Museen im Moskauer PuschkinMuseum die 1945 von der Roten Armee abtransportierten Bestände der Berliner Antikensammlung in Augenschein nehmen konnten – sowohl diejenigen „Trophäen“, die Puschkin-Direktorin Irina Antonowa seit Mai überraschend in einer Ausstellung präsentiert, wie auch diejenigen, die sie weiterhin in einem ihrer Geheimdepots verwahrt. Doch der Durchbruch, den die Berliner Seite wähnte, war nach Moskauer Empfinden allenfalls die Öffnung eines Türspalts. Die optimistischen Fanfarenstöße, die hernach aus Berlin zu hören waren, klangen in den Ohren der Moskauer Museumskamarilla wohl etwas zu schrill. Das zweitägige, streng wissenschaftliche und nur ja nicht politische Kolloquium, das, von beiden Seiten veranstaltet, in dieser Woche in Moskau stattfand, wurde darum von Frau Antonowa für westliche Journalisten kurzerhand gesperrt, das Programm überhaupt erst am Tag vor dem Beginn mitgeteilt.

Sind Fragen der „Restaurierung von Bronzen“ oder der „Methoden der Glasrestaurierung“ allzu brisant, wenn es um 60 Jahre lang versteckte Beutekunst geht? Doch, im Streit um die „kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter“ ist alles brisant. Die Berliner Seite macht gute Miene zu gleich welchem Spiel – und folgt, verführt durch die Aussicht auf häppchenweise Öffnung der Depots, bereitwillig der russischen Strategie, sich durch Zurschaustellung, Restaurierung und – gemeinsame! – Katalogisierung des Beuteguts eine Atmosphäre selbstverständlichen Eigentumsanspruchs zu schaffen. Dass in Russland in Generationen gedacht wird, wo hierzulande alles unter dem Diktat raschen Erfolges steht, könnte man indessen an der Eisernen Lady Antonowa studieren. Sie ist noch immer Siegerin geblieben – erst durch jahrzehntelanges, beharrliches Leugnen ihres stolzen Unterpfands, nun eben durch dessen selbstherrliche Zurschaustellung. Die Berliner Museumsleute kehren aus Moskau zurück – um wissenschaftliche Erkenntnisse reicher, aber um eine vorschnelle Hoffnung ärmer.

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