Kultur : "Moulin Rouge!": Sorge dich nicht, spiele!

Ralph Geisenhanslüke

"Ein Leben in Angst ist ein halbes Leben". Diesen Satz hat er in das Logo seiner Produktionsfirma geschrieben. Darüber stehen als Wappentiere ein Emu und ein Känguru. Typisch für Baz Luhrmann. Er packt seinen Scherz gern ins Detail, um dann im Großen und Ganzen ernst zu machen. Beziehungsweise: großen Nicht-Ernst. Furchtlos stürzt er sich auf historische Stoffe, um diese gründlich zu zerknittern und neu aufzubügeln. Luhrmann verwandelte "Romeo und Julia" in einen Video-Clip mit Leonardo DiCaprio, inszenierte Puccinis "La Bohème", produzierte seine eigene Oper "Lake Lost" - und jetzt zaubert er in Australien ein postpostmodernes Jahrhundertwende-Paris aus dem Zylinder, bei dem der alten Welt die Ohren wackeln. Sie mögen leichte Mädchen, lispelnde Maler, narkoleptische Argentinier, Tingeltangel, Tand und Talmi? Immer hereinspaziert!

Schon das Ausrufezeichen ist eine Warnung. "Moulin Rouge!" - das sind zwei Stunden Baiser mit Himbeersirup in Gelee. Eine Reiz-Flut schneller Schnitte, Witze, Zitate, dass einem der Hut hoch geht. Eigentlich sollte man dem Zuschauer ein Fläschchen Riechsalz zur Eintrittskarte reichen. Satine, die Hauptfigur, bedarf dessen oft, wenn sie schwindsüchtig dahinsinkt.

Aber Satine (Nicole Kidman) steht immer wieder auf und singt. Besonders mit Ewan McGregor, der den Christian spielt. Sie, die Seidige, aber auch Satanische und er, der aufrecht Liebende, müssen natürlich in ihren Duetten das gesamte Schnulzenschaffen des 20. Jahrhunderts umarmen. Darunter tut Luhrmann es nicht. Allein die Copyrights für das Dutzend Lieder von den Beatles, Elton John, Dolly Parton, Phil Collins und anderen verdienten Poeten des Volkes dürften ein Vermögen gekostet haben. Und schon jetzt kann als sicher gelten: Die Musik wird uns ähnlich lange verfolgen wie die Musik aus "Titanic". Hier aber muss das Gewicht der Welt nicht von Céline Dion allein gestemmt werden. In "Moulin Rouge!" singen so viele Menschen, die nicht im Bild sind, enthält die Soundtrack-CD so viele Songs, dass sich die Last gleichmäßig verteilt. Schon seit Monaten rotiert "Lady Marmelade" in der HipHop-Can-Can-Version von Lil Kim und Christina Aguilera auf den Video-Kanälen. Außerdem treten an: Beck, Bono, Bowie, Massive Attack, Placido Domingo, Jose Feliciano. Sogar Kylie Minogue ist stolz auf ihre kleine Rolle als Absinth-Fee. Zuviel MusikMusikMusik? Ein Musical ohne Songs wäre wie ein Porno ohne Sex.

Baz Luhrmann katapultiert diese tendenziell angestaubte Darbietungsform kurzerhand in die Dimension von "Star Wars". Nicht nur weil Ewan McGregor - einst trotziger Held des britischen Sozialrealismus, heute schon mit einer Hand am Lichtschwert für "Episode II" - seine überraschend tragfähige Stimme erhebt. Sondern, weil er das Musical zum Singspiel ohne Grenzen macht, enthoben jeder räumlichen und zeitlichen Dimension. Doch erreicht man diese synthetische Spieldosenwelt nicht per Raumschiff, man muss auch keine Busreise mit zwei Übernachtungen buchen. Hier genügt es, die Augen aufzuhalten.

Wie Luhrmann die Grobkörnigkeit alter Fotografien und das Wackeln der Stummfilmzeit mit digitaler Tricktechnik verbindet - das hat seltene Klasse. Dass der Maler Toulouse-Lautrec, den Luhrmann hier zur Inspirations-Zentrale der Bohème macht, zum gegebenen Zeitpunkt 1899 schon in der Nervenheilanstalt steckte, stört Luhrmann ebenso wenig wie die Tatsache, dass Erik Satie, der tatsächlich viele Chansonniers am Klavier begleitete, hier zum Revue-Komponisten wird. Lieber ein lustvoll begangener Anachronismus als historisch korrekte Langeweile. Hier ist vieles falsch - und deshalb richtig. Und weil das Handlungsgerüst auch noch ein Stück im Stück enthält - die Truppe probt eine Revue über einen verliebten Sitarspieler - sind auch noch der indische Film und die prächtigen Choreografien aus Bollywood drangeflickt. Vorhang auf für den tantrischen Can Can. Und warum das alles? Die Antwort gibt der Song von Fatboy Slim: "Because We Can".

Montmartre. Das ist bei Luhrmann ein magischer Ort in einem gefühlten Fin de Siècle, einer Zeit, als die Menschen sich - ähnlich wie bei der Millenniums-Hysterie - am Rand des Abgrund wähnten und es deshalb doppelt heftig krachen ließen. Doch die wahren Katastrophen halten sich nicht an den Kalender. Sie brechen einfach über uns herein. Dieser Film sagt: "Sorge Dich nicht, spiele!".

Satine darf leider nicht sorglos spielen. Im Moulin Rouge treffen reiche Säcke auf junges Fleisch - und sie, die edelste Kurtisane von Paris, hat beschlossen, ihre Gunst einem reichen Duke zu gewähren, der den Umbau des Moulin Rouge zu einem richtigen Theater finanzieren soll. Inhaber Harold Zidler (Jim Broadbent steckt in einem imposanten fat suit), bemüht sich heftigst um Satine, die von Höherem träumt - sie wäre gern "die neue Sarah Bernhardt".

Es scheint, als seien ihre Ambitionen auch durch hinreichendes Gesangs-Talent gerechtfertigt. Doch die Liebe kommt ihr in die Quere. "Schlecht fürs Geschäft", wie sie sogleich bemerkt. Doch der Kampf gegen die Himmelsmacht ist so aussichtslos wie der gegen Windmühlen. Und schon sind die Frauen-Magazine voll mit Modestrecken, in denen Mieder und Strümpfe, Taft und Tüll nur so rauschen. Sehr romantisch das. Schön schmalzig im Abgang.

"Schönheit, Freiheit, Wahrheit, Liebe" versprechen sich die vermeintlich revolutionären Bohemiens von ihrer Kunst. Der Maler Toulouse-Lautrec (John Leguizamo gibt ihn, hingebungsvoll auf den Knien herumrutschend) pflegte zu sagen: "Man ist hässlich, aber das Leben ist schön". Doch leben können sie nur in einer Umgebung käuflicher Reize, gespielter Freundlichkeit und doppelter Böden.

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