Kultur : Mozart-Premiere: Ein fast neuer "Don Giovanni" an Berlins Staatsoper

Jörg Königsdorf

Die eigentlichen musikalischen Premieren der großen Opernhäuser finden in aller Heimlichkeit statt: Dann, wenn die Stars der Premierenbesetzungen die Koffer gepackt haben und die neue Inszenierung das Alltagskleid des Repertoires übergestreift bekommt. Für den neuen Staatsopern-"Don Giovanni" gilt das ganz besonders. Denn die Sänger, die die ersten beiden Vorstellungen vor einem Monat auf Festival-Format brachten, werden vermutlich nie wieder in dieser Inszenierung zusammentreffen. Statt Bartoli und Barenboim gibt es zu normalen Staatsopernpreisen eben "nur" Patricia Risley und Philippe Jordan. Für das Ensemblestück "Giovanni" ist das nicht unbedingt ein Nachteil, auch weil der junge Staatsopern-Kapellmeister Philippe Jordan sich von allen die Sänger beunruhigenden Mutwilligkeiten und von stilsprengenden Klangprotzereien seines Noch-Chefs Barenboim freihält. Dennoch: über sicher beherrschtes Kapellmeister-Handwerk geht Jordans Ehrgeiz noch nicht hinaus - von allen Mozart-Neuerungen der letzten Jahrzehnte ist bei ihm genauso wenig zu hören wie bei den Sängern.

Schuld daran mag freilich der Stadttheater-Ungeist von Thomas Langhoffs altbackener Inszenierung sein, der wie Mehltau über allen Beteiligten liegt. Im dämmrigen Halbdunkel von Herbert Kapplmüllers kirchenschiffartiger Bühnengasse wird ein Traditionsmozart gespielt und gesungen, der in keinem Moment über Stimmschau und Charakterklischees hinausgeht. Eldar Aliev, neben dem stimmgewaltig chargierenden Leporello René Pape aus der Premierenbesetzung übrig geblieben, ist als Don Giovanni ganz der machohaft breitstimmige Wüstling. Kein Gedanke daran, dass dieser Held auch mit leisen Tönen verführerisch sein könnte, dass sich in dieser Figur eine untergehende Aristokratie spiegelt. Dazu Daniel Borowskis bedenklich röhrender Komtur, Werner Güras dezenter Ottavio und ein hochmanieriertes Damentrio - drei Diven mit ausgestellter Pianokultur, aber keine glaubwürdigen Charaktere. Mozart-Alltag an der Staatsoper, aber auch der bräuchte nicht so grau zu sein.

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