Kultur : Mozart statt Eminem

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf hat

ein Herz für die Jugend

Die Woche gehört dem Nachwuchs: Während die Berliner ProfiMusiker sich von der schlauchenden Silvesterschicht erholen, ist in Berlins Konzertsälen Talentschau angesagt. Traditionell nutzen die Jugendorchester die Jahresanfangsflaute in den Konzertsälen, um die Ergebnisse ihrer Arbeitsphasen zu präsentieren: Die Deutsch-Skandinavische Jugendphilharmonie und das Jeunesses Musicales Weltorchester haben den Berlin-Termin Anfang Januar schon seit Jahren fest im Terminplan, diesmal stellt sich noch dazu die Junge Sinfonie Berlin dem internationalen Vergleich. Das ist sozusagen eine geballte Ladung Kulturoptimismus: Denn kaum etwas erfreut den durchschnittlichen Besucher klassischer Konzerte so, als wenn junge Leute alte Musik machen. Gemütströstend ist in diesem Fall nicht nur das reine Musikerlebnis, das man vermutlich von den Profis in noch besserer Qualität hören kann, sondern auch die Gewissheit, dass die klassisch-bürgerliche Kultur auch von der nachwachsenden Generation gepflegt wird. Dass eben nicht alle Teenager nur Eminem oder No Angels hören, und dass Klassik offenbar noch zur Sinnsuche jenseits eines bloß professionell funktionierenden Kulturbetriebs taugt. Was heißt, dass sich das Publikum nicht nur an jungen Musikern, sondern auch am Anblick artiger junger Menschen auf dem Podium erfreut - solcher, die im Ernstfall einer alten Dame im Bus bereitwillig Platz machen würden, statt sich über eine ganze Sitzreihe zu lümmeln.

Den Anfang macht am Samstag im Konzerthaus allerdings kein Orchester, sondern eine Solistenschau: In der Reihe „Debüt im Deutschlandradio“ tritt eines der herausragenden Talente Berlins auf: Der Berliner Pianist Martin Helmchen hat als Gewinner des renommierten Clara-Haskil-Wettbewerbs bereits internationale Lorbeeren eingeheimst. Nachdem Helmchens klares, ebenso virtuoses wie klug disponierendes Spiel schon im letzten Monat beim Deutschen Kammerorchester zu bewundern war, spielt er diesmal mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Robert Schumanns Klavierkonzert.

Tags drauf hat sich das Deutsch-Skandinavische Jugendorchester mit seinem Dirigenten Andreas Peer Kähler in der Philharmonie ein Programm vorgenommen, das einen weiten Bogen von Mozarts „Zauberflöten“-Ouvertüre über Wagners „Tristan“ (Vorspiel und Liebestod mit Ulla Gustafsson) und Sibelius’ siebte Sinfonie bis zur Uraufführung eines Violin-Doppelkonzerts des schweden Hakan Larsson spannt.

Mit Yakov Kreizberg hat das Jeunesses Musicales Weltorchester in Berlin schon fast Heimvorteil: Der ehemalige Chef des Orchesters der Komischen Oper, der seit sieben Jahren mit den Nachwuchsmusikern arbeitet, hat dem Jeunesse Orchester auch nach seinem Fortgang aus der Stadt die Treue gehalten und mit ihnen auf dem Jeunesse-Stammsitz Schloss Glienicke Dvoraks Siebte und die zweite Sinfonie des estnischen Neutöners Peteris Vasks ausgefeilt. Einen Tag vor dem Konzert am Montag in der Philharmonie hat die Blechbläsersektion des Jeunesse-Orchesters, das „Weltblech“-Ensemble seinen ebenfalls schon traditionellen Extraauftritt im Kammermusiksaal, diesmal mit Werken von Schostakowitsch bis André Previn.

Den Abschluss der Talentschau macht am Dienstag, ebenfalls in der Philharmonie die Junge Sinfonie Berlin mit dem gerade zum Chefdirigenten der Wiener Volksoper berufenen Marc Piollet. Mit Mahlers „Auferstehungssinfonie“ haben sich die Musiker, unterstützt vom Ernst Senff Chor nicht nur einen abendfüllenden Brocken vorgenommen, sondern auch ein Werk, das mit seiner Heilsbotschaft eigentlich ebenso gut zum Jahreswechsel passt wie Beethovens Neunte.

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