Kultur : Mozart und Schumann: Peter Schreier in der Staatsoper

Christine Lemke-Matwey

Eine Legende stellt sich in Positur: Die Hände ausgebreitet, als wolle sie zwar nicht gleich die ganze weite Welt umarmen, aber doch die ersten Reihen des proper gefüllten Saales; den Blick schräg nach oben gerichtet, weil von dort erfahrungsgemäss alles Gute kommt, und das bedeutet in Sachen Liedgesang: die nötige Inspiration für den Augenblick, Mut und Kraft und Stärke, mitunter das Intimste, Verborgenste auch von sich selbst preiszugeben; und die Miene kurz aufgehellt, auf dass die Augenbrauen hoch über den goldenen Brillenrändern tanzen. Immerhin ist das erste Lied von Mozart und heißt "Die Zufriedenheit": ein nettes kleines Stück Musik in Strophen.

Zufrieden sind an diesem Sonntagmorgen in der Staatsoper Unter den Linden ausnahmslos alle: Das Publikum, weil es Peter Schreier, dem Altstar des Hauses (der sich an diesem Donnerstag unwiderruflich von der Opernbühne verabschiedet) noch einmal so richtig huldigen darf; und Peter Schreier und Daniel Barenboim oben auf der Bühne, weil ihnen Schumanns "Dichterliebe" im zweiten Teil des Programms wesentlich dichter, ja durchgearbeiteter gelingt als Mozarts lose lyrische Kabinettstückchen. Als sei das vermeintlich Leichte wieder einmal viel schwerer als das vermeintlich Schwere. Ob nun das berühmte "Veilchen" oder eine hoch theatralische Kantate wie "Die ihr des unermeßlichen Weltalls Schöpfer ehrt" - über allen Liebreiz, alles Harmlose hinaus wollte sich der Zugang zu Mozart, dem Liederkomponisten, an diesem Morgen kaum erschließen.

Und so widmete sich das Ohr denn eher der Machart des Singens. Gewiss, Peter Schreiers Timbre bleibt unverwechselbar: Jener helle, klare Tenor-Klang mit dem richtigen Quentchen Artigkeit darin und treuem Biedersinn, den man so gerne "deutsch" nennen möchte. Schreier war stets mehr Kantor als Ausdruckssänger, verstand sich immer als Mittler, als einer, der Zeugnis gibt. Das vor allem ist ihm im Alter geblieben. Und mögen seine Höhen heute auch bisweilen bedrohlich eng und seine Tiefen brüchig werden, und bewegt er sich dynamisch nur mehr selten über ein gepflegtes Mezzopiano hinaus - seine Technik ist allemal staunenswert. Lange hat man nicht mehr ein derart perfekt organisiertes Legato gehört. Singen - aufschlußreicher als im Lehrbuch.

Hätte Daniel Barenboim nun nicht befunden, dass die "Dichterliebe" in ihren signifikanten Klaviervorspielen und Nachspielen ein Tummelplatz für Virtuosen sei, und wäre er nicht durchgängig alle Tempi eklatant zu schnell, ja regelrecht verhetzt angegangen - Schumanns op. 48 und wie Schreier den Zyklus aus einem gleichsam abgekühlten, erinnerten Schmerz heraus zu gestalten suchte, hätte ein Ereignis sein können. So aber verrauschte das Liebesleid allzu oft im Pedal, störten und verstörten Barenboims zur Schau getragene pianistische Lässigkeiten doch sehr. Am Ende Ovationen, Blumen, Zugaben.

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