Kultur : Mozarts "Figaro": Grandios, Herr Graf

Frederik Hanssen

Wenn unter Opernfreunden die Sprache auf die Berliner Staatsoper kommt, wird über die Zahl der Schließtage gestritten, über die Qualität vieler Inszenierungen und auch über eigenwillige Interpretationen Barenboims. In einem Punkt aber herrscht meist Einigkeit: Das musikalische Niveau der Repertoirevorstellungen ist bemerkenswert. Wo sich in anderen Häusern im Alltag oft Routine, gar Schlendrian einschleicht, erlebt man Unter den Linden (fast) immer Aufführungen in Premierenqualität. Das ist zum einen dem Selbstbewusstsein der Staatskapelle zu danken, die sich als bestes Opernorchester der Stadt fühlt - und sich selber jeden Abend an diesem Anspruch misst. Das liegt aber ebenso auch am exquisiten Ensemble. Zum Beispiel an Roman Trekel, einem wunderbaren Sängerdarsteller, der sich in seine Figuren vertiefen kann wie wenige, der vokale Gestaltung und Gestik so zu synchronisieren versteht, dass ihm jedes Gefühl, jedes Wort, von dem er singt, auch anzusehen ist. Seit 12 Jahren ist der Bariton der Staatsoper treu, in Dutzenden Rollen hat er seine Vielseitigkeit bewiesen. Dafür wurde er jetzt zum "Berliner Kammersänger" ernannt, am Ende der Wiederaufnahme von Mozarts "Figaro", in der Trekel als Graf glänzte. Ein beglückender Abend mit Daniela Bruera als betörender Susanna, Patricia Risleys feurigem Cherubino, der raffinierten Katharina Kammerloher als Luxusbesetzung für die Marcellina und Emily Magees Gräfin, die seit der Premiere 1999 sehr an individueller Stimmfarbe gewonnen hat. Außerdem gab es zwei Debüts zu feiern: Hanno Müller-Brachmann sang erstmalig den Titelhelden mit edlem, voll ausgereiftem Bassbariton, der in verwirrendem Kontrast zu seiner jugendlichen Erscheinung steht, Philippe Jordan stellte sich als Dirigent uneitel in den Dienst der Sänger.

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