Kultur : Mr. Black und Mr. White

Martin Scorseses Gangsterdrama „The Departed“ feiert Europapremiere auf dem Filmfest Rom

Christina Tilmann

Die kurioseste Frage an den freundlichen Herrn mit zerknittertem Gesicht und dunkler Brille: „Mr. Scorsese, Sie werden Woody Allen immer ähnlicher. Was verbindet Sie?” Die persönlichste: Warum er nicht italienisch spreche, er habe doch italienische Großeltern. Und die mutigste: Welches Verhältnis er zur Mafia habe, die er in seinen Filmen porträtiert. Doch Scorsese verweigert sich höflich, spricht stattdessen über den historischen Konflikt zwischen Iren und Italienern in den USA, den auch seine Migranten-Großeltern erlebt haben. Sein Opus Magnum „Gangs of New York“ von 2002 handelte davon. Auch sein jüngster Film „The Departed“ widmet sich dem Thema.

Ein Heimspiel gewissermaßen, dieser Auftritt auf dem ersten Internationalen Filmfest in Rom. „Gangs of New York“ wurde 2001 in Cinecitta gedreht, und das römische Publikum hat Scorsese seitdem nicht vergessen. Es feiert ihn, wo er auch auftritt, mit minutenlangen stehenden Ovationen. Wahrscheinlich ist es der seltene Fall, dass nicht Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio im Mittelpunkt steht, sondern der Regisseur von den Italienern eindeutig als Landsmann gefeiert wird. Und das, obwohl der sonst so publikumsscheue DiCaprio sich so aufgeschlossen und entspannt wie selten zeigt, stundenlang Autogramme gibt, sich nach der Premiere unters Volk mischt und später in einem römischen Theater über sein Engagement in Umweltfragen spricht.

„The Departed“ also, das (sehr freie) Remake des japanischen Kultfilms „Internal Affairs“ von 2002. Die Europa-Premiere des Films, der vor knapp drei Wochen fertiggestellt wurde, ist nach der Eröffnung mit „Fur“ – der Diane-Arbus-Biografie mit Nicole Kidman – ein weiteres Highlight des Filmfests in Renzo Pianos futuristischer Citta della Musica. Es ist zudem, nach „Gangs of New York“ und „Aviator“, der dritte Scorsese-Film mit Leonardo DiCaprio – und der Höhepunkt ihrer Zusammenarbeit. Ein Scorsese-Film, so konzentriert und wuchtig wie selten, und ein DiCaprio, der die Rolle des TeenieSchwarms längst zugunsten des Charakterdarstellers hinter sich gelassen hat. In Deutschland kommt „The Departed – Unter Feinden“ am 7. Dezember in die Kinos.

Die Story: ein jahrelang andauernder Kleinkrieg zwischen der Boston State Police und der irischen Mafia rund um den charismatischen Gangsterboss Frank Costello (Jack Nicholson). Zwei Undercover-Agenten agieren in gefährlichem Doppelspiel: Billy Costigan (DiCaprio), dessen Eltern einst von Costello ermordet wurden, lässt sich von der Polizei in die Mafia-Gruppe einschleusen. Colin Sullivan (Matt Damon) macht eine Blitzkarriere bei der Elitetruppe, die gegen Costello agiert – und informiert den Boss getreulich über alle Pläne.

Der Schauplatz ist Boston in den siebziger Jahren: schmutzig-grau die Bilder, die Kameramann Michael Ballhaus eingefangen hat, man kämpft zwischen Müll und Abbruchhalden, spricht mit fettem Unterschichtenakzent, groß ist der Einfluss der katholischen Kirche. Es könnte auch Irland sein oder Italien. Immer wieder explodieren Gewehrschüsse wie Granaten – überhaupt findet Gewalt in diesem nach „Casino“ wohl gewalttätigsten Scorsese-Film vor allem auf der Tonspur statt. Alles dreht sich um den Paten, den Übervater Frank Costello. Jack Nicholson, so wenig outriert wie lange nicht mehr, gibt den Leitwolf, rücksichtslos, grausam und vor allem: einsam. Er hat alles, was man sich kaufen kann, Erfolg, Frauen, brutale Handlanger, nur keinen Nachfolger, keinen Sohn. Es entspinnt sich ein VaterSohn-Verhältnis wie zwischen Bill „The Butcher“ (Daniel Day-Lewis) und Amsterdam (DiCaprio) in „Gangs of New York“. Nur ist es hier Sullivan (Damon), der kalte Karrierist, dem Costello vertraut. Der leidenschaftliche Kämpfer Costigan (DiCaprio) wäre der würdigere Sohn-Ersatz .

Sullivan und Costigan, der eiskalte Saubermann und der gewalttätige Moralist. Man kennt diese Konstellation aus vergleichbaren Film-noir-Klassikern wie Michael Manns „Heat“ oder Curtis Hansons „L.A. Confidential“. Im japanischen Original traten Andy Lau und Tony Leung gegeneinander an, als ebenbürtiges Paar. Auch bei Scorsese agieren die beiden „Ratten“ mit atemberaubender Perfektion. Lange Zeit steht es unentschieden. Und doch kommt am Ende Moral ins Spiel. Es geht um Treue und Verrat, und es geht vor allem um den Versuch, dem vorbestimmten Leben zu entkommen. Zwei Aufsteiger, beide intelligent und anpassungsfähig, der eine wirft alle Werte über Bord und berauscht sich am Gefühl der Macht – die erste Wohnung, die er sich leistet, liegt hoch über den Dächern von Boston mit Blick auf die goldene Kuppel des State House. Der andere will aus der Gangsterwelt ausbrechen, als Polizist für Recht und Ordnung kämpfen, und wird zurückgeworfen in die Welt, aus der er kam.

Ausbrechen aus der vorbestimmten Welt: Scorsese hat die Lektion seiner Großeltern gelernt, die als Einwanderer in die Kämpfe zwischen Iren und Italienern gerieten. Den perfekten Plot mag er von der Vorlage übernommen haben. Die emotionale Kraft seines Films kommt woanders her.

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