Mr. Fox : Reineke trägt Maßanzug

Nostalgie pur: Wes Andersons Trickfilm "Der fantastische Mr. Fox". Es mag zunächst überraschen, dass ausgerechnet der Regisseur von "Darjeeling Limited" ein Kinderbuch von Roald Dahl verfilmt.

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Es ist ja nur allzu menschlich! Einst war er der heißeste Fuchs weit und breit, ein gerissener Dieb, charmant, smart und bewundert. Dann baute er sich ein Nest, gründete eine Familie, es geht ihm gut. Eigentlich darf sich der fantastische Mr. Fox also nicht beklagen. Doch es juckt ihm im Fell. „Ich bin und bleibe ein wildes Tier.“

Also geht er nachts auf Raubzug. Ein letztes großes Ding will er drehen, drei riskante Brüche in den Hühnerställen der Nachbarschaft. Der Leichtsinn hat Folgen: seine Opfer, die Geflügelbauer Boggis, Brunce und Bean, schließen sich zusammen und wehren sich mit allen Mitteln, darunter Schusswaffen, Bagger, Sprengstoff und hohe Mengen Apfelwein. Nicht nur Familie Fox, auch die anderen Tiere aus der Gegend müssen als Flüchtlinge in den Untergrund.

Es mag zunächst überraschen, dass ausgerechnet Wes Anderson („Darjeeling Limited“) ein Kinderbuch von Roald Dahl verfilmt („Charlie und die Schokoladenfabrik). Dass er sich dabei der Stop-Motion-Technik bedient, bei der die Puppen mittels Bild-für-Bild-Montage zum Leben erweckt werden, ist dagegen fast schon wieder naheliegend. Für den Detailbesessenen, der seine Filme ausstaffiert wie Wunderkammern und Puppenstuben, ist Stop-Motion das perfekte Verfahren – mehr Kontrolle geht kaum. Der Aufwand für einen abendfüllenden Film ist allerdings enorm: 150 Filmsets, 500 Puppen, 4000 Requisiten. Zwei Jahre lang wurde in London an dem Film gedreht. Hätte man das nicht einfacher haben können, heute, da dem Pixar-Studio mit Hilfe von Computeranimation so herrliche Filme gelingen wie „Wall-E“ und „Ratatouille“?

Trickfilmfiguren, die im Stop-MotionVerfahren beseelt werden, haben eine ganz besondere Anmutung. Als Peter Jackson 2005 „King Kong“ neu verfilmte, waren die Computereffekte beeindruckend. Doch der Stop-Motion-Affe im Original von 1933 rührt auch heute noch anders als das moderne Monster aus dem Rechner.

Heute veredeln zwar auch Stop-Motion-Filmer ihre Werke mit Computereffekten, zuletzt etwa Henry Selick („Coraline“). Wes Anderson aber zwang seine Animatoren, die Standards der modernen Stop-Motion wieder zu vergessen. Kameramann Tristan Oliver und Animationschef Mark Gustafson sprachen offen über den Frust, den ihnen diese Arbeit bereitete: „Er hat uns das Leben zur Hölle gemacht.“ Anderson untersagte ihnen, die Puppen blinzeln zu lassen. Dabei sind blinzelnde Augen der wichtigste Trick, mit dem sich einer Puppe Leben einhauchen lässt. Anderson wollte außerdem unbedingt richtiges Fell. Haare allerdings verstärken einen eher ungewollten StopMotion-Effekt: Weil die Puppe von jedem Bild zum nächsten angefasst und bewegt werden muss, ist das Fell immer in Bewegung, beim Abspielen der Bilder kräuseln sich fortwährend die Haarbüschel, als fahre dem Tier ständig der Wind durchs Fell. So wie 1933 beim allerersten King Kong. Diese eigentümliche Poesie, eine fremdartige Lebendigkeit, ist auf anderem Wege nicht herstellbar.

„Der fantastische Mr. Fox“ ist ein Hommage an Roald Dahl: Die Landschaft, der Baum, sogar das Arbeitszimmer des Fuchses sind Roald Dahls Lebensumgebung nachempfunden. Zugleich ist der Film aber ein lupenreiner Anderson. Im Zentrum steht sein bevorzugtes Thema: die Familie im Allgemeinen und Vater-SohnBeziehungen im Besonderen. Auch der trockene Humor, die Aufmerksamkeit fürs Detail, die typische Musikauswahl sind wiederzuerkennen.

Die Tiere gehen aufrecht, tragen Maßanzüge aus Cord, sie haben Manieren und Geschmack. Ocker-, Senf-, Beige- und Rottöne beherrschen die Farbpalette der sorgfältig arrangierten Bilder, alles leuchtet in den Farben des Herbstes. Das alte Stop-Motion und Andersons eigenwilliger Stil verschmelzen zu einer apart nostalgischen Abenteuerfabel. Amüsant, verspielt, ein bisschen chaotisch, doch vor allem: ein Fest für die Augen.

Es hat zuletzt eine Reihe von Filmen gegeben, die auf beliebten Kinderbüchern basieren, ihre Vorlage aber eher interpretieren als sie einfach nur zu verfilmen, zuletzt Spike Jonzes „Wo die wilden Kerle wohnen“ und Tim Burtons „Alice in Wonderland“. Der Umgang mit den Vorlagen mag frei erscheinen, den Filmen selbst tut es fast immer gut. Ganz junge Zuschauer werden gewiss nicht jede von Andersons Pointen verstehen. Aber wer sagt denn, dass Kinderfilme ihr Publikum nicht auch überraschen, inspirieren und verwundern dürfen?

Blauer Stern, CinemaxX Potsdamer Platz, Delphi, International, Kulturbrauerei, Yorck, OV im Babylon Kreuzberg, Central, CineStar Sony Center, Odeon

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