Kultur : Mr. Perfect

Umjubelt im Konzerthaus: der Tenor Juan Diego Florez.

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Foto: Decca
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Der Frack ist maßgeschneidert, die Lackschuhe blitzen – und auch die Stimme sitzt tadellos. Juan Diego Florez mag aussehen wie ein latin lover, tatsächlich aber ist er ein Gentleman durch und durch. Einer, der die Form wahrt, detailversessen und perfektionistisch. Wer beim Berlin- Gastspiel des smarten Peruaners ganz vorn im Konzerthaus sitzt, kann miterleben, wie viel die Kunst des schönen Gesangs mit Selbstbeherrschung zu tun hat, mit Körperkontrolle und Disziplin. Gerade im Bereich des Belcanto, dessen virtuose, reich verzierte Melodienlinien so leicht und mühelos klingen müssen. Und doch so hart erarbeitet sind.

Seit 16 Jahren steht Juan Diego Florez auf der Bühne, beim Rossini-Festival in Pesaro beeindruckte er 1996 die Kenner und Kritiker, wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde vom Mann mit dem mühelosen Hohen C, längst singt er an den größten Bühnen der Welt inklusive der New Yorker Met. Denn sein schlanker Tenor kann eine beeindruckende Durchschlagskraft entfalten, dank bombensicherer Gesangstechnik.

Jetzt, mit 39, steht er im Zenit seines Könnens. Viel Zeit lässt er sich am Montag bei den Arien aus Rossinis „Donna del lago“, Bellinis „Il pirata“ und Verdis „La Traviata“, zelebriert jede Phrase, legato elegantissimo. Nie würde er sich jene sentimentalen Schluchzer erlauben, mit denen so viele seiner Tenorkollegen ihren Vortrag vordergründig emotional aufpeppen. Bei diesem Don Juan ist alles pure Kunstfertigkeit, blitzsauber gesetzt die Spitzentöne, die Textverständlichkeit makellos, jede Verzierung akkurat ausgeführt.

Und doch ist Florez keine Zwitschermaschine. Weil stets die Leidenschaft spürbar bleibt, mit der er Musik macht. Was man vom Württembergischen Kammerorchester Heilbronn nicht durchgängig behaupten kann. Sehr solides Kulturbeamtentum ist da zu hören, aber kaum Spaß an der Sache. Alessandro Vitiello dirigiert dazu aus einem Leitzordner, in dem die Partiturseiten in Sichthüllen stecken.

Nun ja, die Leute sind sowieso nur wegen Mr. Perfect hier – und sie bekommen, was sie begehren: spanische Zarzuelas, „Dein ist mein ganze Herz“, eine Mario- Lanza-Schnulze und – als erste Zugabe – Florez’ signature aria, peng, peng, peng, peng, peng, peng, peng, peng, peng, die mit den 9 Hohen C aus Donizettis „Fille du régiment“. Und dann „La donna è mobile“. Und dann „Granada“. Da ist dann kein Halten mehr im Saal, da wird mit den Füßen getrampelt, da schlagen die Bravo-Wellen hoch. Huldvoll nimmt der Gefeierte die Ovationen entgegen, verbeugt sich ein ums andere Mal, lächelt sein feines Lächeln. Ganz Gentleman eben. Frederik Hanssen

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