Márta Mészáros Retro im Arsenal : Anna, Kata und die anderen

Filme über die Selbstbefreiung aus einer Welt voller Widersprüche: Das Arsenal-Kino würdigt die ungarische Regisseurin Márta Mészáros mit einer Retrospektive.

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Still aus "Adoption", für den Márta Mészáros 1975 den Goldenen Bären der Berlinale gewann.
Still aus "Adoption", für den Márta Mészáros 1975 den Goldenen Bären der Berlinale gewann.Foto: Arsenal - Institut für Film und Videokunst

Als bei der Berlinale im Februar der Goldene Bär an Ildikó Enyedi für ihren Liebesfilm „On Body and Soul“ ging, war das auch Zeichen einer bemerkenswerten Kontinuität. Fast vierzig Jahre zuvor hatte schon einmal – als erste von mittlerweile fünf Frauen – eine ungarische Regisseurin den Berlinale-Gipfel errungen: Márta Mészáros für „Adoption“, einen Film, der in zartem Schwarz-Weiß mit vielen motivischen Spiegelungen eine Adoptionsgeschichte erzählt und sie zur Studie einer fragilen Freundschaft umwandelt.

Heimzögling Anna sucht bei der älteren, allein lebenden Fabrikarbeiterin Kata eigentlich nur ein Gelegenheitszimmer, um ungestört mit ihrem Freund zusammen zu sein. Auch Kata hat eine prekäre Beziehung und ringt mit ihrem verheirateten Geliebten, der ihren Kinderwunsch ablehnt. Doch statt diese Konflikte dramatisch aus- und hochzuspielen, zersetzt Mészáros sie subtil in die umgebende reguläre familiäre Ödnis hinein. So besiegelt für Kata ein fein inszenierter augenöffnender Besuch bei Familie und Ehefrau des Geliebten unausgesprochen ihre Trennung. Und Annas tosende Hochzeitsfeier wird getrübt von ersten ehelichen Besitzansprüchen.

Ein "anderer Blick" auf Machtverhältnisse

Gelernt hatte Mészáros ihr Handwerk in den Fünfzigern an der Moskauer Filmhochschule. Mit der UdSSR verband die 1931 in Budapest geborene Regisseurin aber auch Persönliches: Als Kind war sie 1936 mit den Eltern, beide Künstler, nach Kirgisien emigriert. Dort folgten traumatisierende Erfahrungen, als der Vater schon zwei Jahre später im Zuge der stalinistischen Verfolgungen verschwand (und später starb) und die Mutter 1942 einer Krankheit erlag. Die Repression und das Aufwachsen in Kinderheimen sowie bei einer Adoptivmutter sollten der Stoff ihrer oft autobiografisch geprägten Filme in den nächsten Jahrzehnten werden.

So auch das 1968 entstandene Spielfilmdebüt „Das Mädchen“, das seine Heldin aus dem Heim auf die Suche nach den leiblichen Eltern schickt. Auch hier kreiert Mészáros aus dem konventionellen Sujet mit dokumentarischen Settings und einem explizit abweichenden Blick auf die Geschlechterverhältnisse die Selbstbefreiung aus einer Welt voll unterdrückter Widersprüche. Zwar verwahrte sich Mészáros gegen feministische Vereinnahmungen, betonte aber auch oft, wie wichtig ihr der „andere Blick“ auf die Machtverhältnisse sei.

Die Regisseurin Márta Mészáros
Die Regisseurin Márta MészárosFoto: imago/Pixsell

Neben den Beziehungen unter den Frauen nimmt die Arbeit in der Fabrik in den frühen Filmen eine im Kino seltene Präsenz ein. Besonders richtet Mészáros das Augenmerk auf die Körperlichkeit ihrer Protagonistinnen – Ildikó Enyedi macht es ähnlich im Bären-Gewinner „On Body and Soul“. Nach der Wende wurde Mészáros’ Stil opulenter, die Frauenfiguren wurden weniger widerständig. Heute ist Márta Mészáros mit 86 Jahren und einem Werk von über 60 Filmen immer noch aktiv, gerade sitzt sie an der Postproduktion ihres jüngsten Films „Aurora Borealis“. Ab Samstag zeigt das Berliner Arsenal-Kino nun eine Hommage mit zehn Filmen dieser bedeutenden europäischen Filmemacherin.

Kino Arsenal, 13. bis 30. Mai

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