Kultur : Muckis und Macker

Das Grips-Theater schickt „Cengiz und Locke“ in den Straßenkampf

Christine Wahl

Am sozialen Brennpunkt geht es ziemlich sportlich zu. Das Stückpersonal – zwei rivalisierende Gangs, die prügeln, klauen, vergewaltigen und ein Mädchen erschießen werden – führt sich als Streetdance-Combo ein. Die Choreografin Katja F. M. Wolf hat ganze Arbeit geleistet: ein paar Trainingseinheiten mehr, und das Ensemble des Grips-Theaters könnte bei MTV vortanzen. Bewegungstheater wird auch später immer wieder gern gemacht. Zwischen den Spielszenen, für die die Akteure – ein Effekt, der schon bei Ariane Mnouchkines „Le Dernier Caravansérail“ Deutungsräume öffnen sollte – auf fahrbaren Untersätzen hereingerollt werden. Mit Bühnenbild und Requisiten. Und weil DJane Vela, die während des gesamten Abends in zentraler Position am Plattenteller steht, ihren Job ebenfalls beherrscht, rockt der Abend so richtig.

Nur: Was erzählt werden soll, rockt eigentlich gar nicht. Es ist die Geschichte von „Cengiz & Locke“, die sich in einer deutsch-türkischen Gang durchs Leben schlagen und klauen: Zoran Drvenkar hat aus seinem gleichnamigen Roman ein Jugendtheaterstück destilliert. Die Situation, in der wir uns befinden, wird von Cengiz (Daniel Jeroma) beschrieben: „Ich werde jeden Tag angepisst, immer wieder von vorne, und niemanden stört es, das ist den Leuten scheißegal, und ich steh da und hab keine Zeit zu trocknen.“

Angepisst von der rivalisierenden „Yugo“-Gang, vom eigenen Cliquenchef (Frank Engelhardt) und von Vätern, die – sofern sie überhaupt mal sprechen – nur den Imperativ beherrschen. Oder – im Falle Lockes (Jens Mondalski) – weniger „angepisst“ als überfordert sind von einer psychotischen Mutter (Regine Seidler), die jedes Mal, wenn ihr Sohn nach Hause kommt, mit einem Rasiermesser in der Badewanne liegt und wie ein Kleinkind abgetrocknet und ins Bett geschickt werden muss.

Wenn der Uraufführungsregisseur Frank Panhans solch abgründige Alltäglichkeiten zulässt, wenn seine Inszenierung mal still wird und solche Situationen aushält, ohne sie dreimal zu unterstreichen, ist sie stark. Das Bild zum Beispiel, wenn Cengiz’ Vater (Serkan Sahan), wie eine stumme Drohung am Esstisch sitzend, von seiner kleinen Frau auf die Szene geschoben wird und einfach sekundenlang so dasitzt. Oder der Moment, in dem Locke seinem Kumpel erklärt, warum sein Vater ausgezogen ist: „Meine Mutter hat ’ne Macke; wär ich auch abgehauen“, sagt er – in ziemlich genau dem Tonfall, in dem man sich einen Kaffee bestellt.

Ob es – wie die Inszenierung behauptet – im Sinne der Zielgruppe des Lauten, Spektakulären, Rockigen bedarf, um sich das Stille, Leise, Abgründige leisten zu können, sei dahingestellt: Es käme auf einen Gegenversuch an. Unstrittig aber ist, dass es sich der Autor am Schluss sträflich einfach macht. Viel einfacher als im Drehbuch zu Detlev Bucks Film „Knallhart“, an dem Drvenkar mitarbeitete. Dort gerät der Protagonist in einem vergleichbaren Milieu ebenso ahnungslos in bandenkriminelle Strukturen, die ihn komplett überfordern und am Schluss vor die Wahl stellen, sich selbst oder seinen Rivalen zu erschießen.

Cengiz und Locke hingegen fällt es zum glorreichen Finale wie Schuppen von den Augen, dass der Cliquenchef sie instrumentalisiert hat. Sie ziehen die pädagogisch richtige Konsequenz: „He, Boss, wir gehen jetzt ’ne Pizza essen und vergessen dich. Servus. Wir sind raus.“

Wieder 14. bis 17.6.

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