Kultur : Müde Krieger

Amerika ist Musik: Annie Leibovitz bei C/O Berlin

Kai Müller

„Ein Träumer wie ich“, sagt Ryan Adams, „muss überall Zeit absitzen, nirgendwo fällt es mir leichter als in einem Hotel.“ Adams ist einer dieser Wunderknaben der amerikanischen Rockmusik, die auf einmal da sind, mit ihrer Gitarre unterm Arm auftauchen und herzzerreißende Songs über Liebeskummer in der Tasche haben. Als die Starfotografin Annie Leibovitz, die viel berühmter ist als er, den 28-Jährigen in einem Hotelzimmer trifft, nimmt sie ihn auf einem ungemachten Bett sitzend auf, die Gitarre unterm Arm. Er hat die Augen geschlossen. Im Hotel zu wohnen sei eine Form, in ständiger Gegenwart zu leben, sagt er. Wie ein „Fisch, der sich dem Meer verweigert“. Man gehört nirgendwo dazu, nichts stellt sich zwischen einen selbst und die Songs, die als vages Gefühl in einem schlummern.

Das Hotelzimmer eines Rockstars ist nicht einfach nur ein Hotelzimmer. Sondern ein Mythos. Ein Sehnsuchtsort bar jeder Illusion. Brutal in seiner Beliebigkeit, aber eben der einzige Raum, in dem der zur Wanderschaft verdammte Musiker für sich ist. Sie suche für ihre Aufnahmen stets Orte, bekennt Leibovitz, die eine Bedeutung haben. Dann rückt sie oft mit Beleuchtern und Assistenten an, um sie in eine Bühne zu verwandeln. Was die „New York Times“ zu der Bemerkung veranlasste, die Fotografin sei „der Porträtfotografie unterwürfig ergeben, während sie bemerkenswert wenig Interesse an den Menschen zeigt“.

Tatsächlich ging es Leibovitz in ihrem Projekt „American Music“, aus dem die Berliner C/O-Galerie nun 68 Arbeiten zeigt, um mehr als eine Ahnenreihe der Popkultur. Die Protagonisten – darunter B. B. King, R. L. Burnside, die Neville- und die Carter-Familie, Willy Nelson, Aretha Franklin, Bob Dylan und Bruce Springsteen – gruppieren sich zu einem beeindruckenden Kaleidoskop der amerikanischen Volksmusik. In Garderoben und Proberäumen, in Autos und vor zerfließenden Landschaften vermitteln sie etwas von jener seelischen Rastlosigkeit, die zum Wesen ihres Schaffens gehört.

Annie Leibovitz begann ihre Karriere beim „Rolling Stone Magazine“ während des Vietnamkriegs. Damals war Musik ein sehr mächtiges, vitales Sprachrohr. Heute gleichen die Helden von einst müden Kriegern.

„American Music“, C/O Berlin, Linienstr. 144 (Mitte), bis 2. April. Mi-So 11-19 Uhr. Katalog bei Schirmer/Mosel, 39,80 €.

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