Kultur : Müder Engel am grünen Fluss Der Dichter Mirko Bonné wandelt auf Trakls Spuren

Tom Schulz

Wer erinnert sich nicht einiger Verse des in der Schlacht bei Grodek 1914 schwer Verwundeten und kurz darauf an einer Überdosis in einem Spital bei Krakau verstorbenen Georg Trakl? Keiner machte das Verlöschen der Welt in den Bildern in der deutschsprachigen Dichtung so hörbar wie er. Mirko Bonné, als Romanautor des mitreißenden Shackleton-Expeditionsbuchs „Der eiskalte Himmel“ auch einem breiteren Publikum bekannt, hat eine besondere Neigung zu dem Frühexpressionisten. Und auch zum kleinen Innsbrucker Traklpark nahe dem Inn. Hier, auf dieser menschenleeren Rasenfläche mit ein paar Bänken und Spielgeräten, schreibt der 1965 in Tegernsee geborene und heute in Hamburg lebende Bonné in seinem Nachwort, sei er in den letzten 20 Jahren Dutzende Male gewesen, zum Nachdenken und Meditieren.

Natürlich ist jener Traklpark für Autor wie Leser viel mehr: Sinnbild für die Vergänglichkeit, Resonanzraum für das Dichten an sich. Denn um die hohe Dichtung geht es auch Mirko Bonné. Um die Vollendung und Glückseligkeit, die Sprachmusik und das treffende Bild: „Dreihundert Tage Regen, Regen/zu jeder Tageszeit, die ich hier sitze/und auf das Frachterwasser sehe./Die graue Ferne, graue Nähe – /du, Elbe, ich, Kehrwiederspitze.“ So öffnet sich stimmungsvoll das Tor zur Welt. Gut ein Drittel der Gedichte des Bandes sind lyrische Postkarten.

Bonnés Traklpark ist mit Erinnerungen angefüllt, nicht ohne eine Prise Wehmut. Bilder der Kindheit flackern auf, Orte und Lebensstationen, als wolle der Autor die verlorene Zeit einholen. Die sprachmagische, an der Moderne geschulte Beschwörung einer brüchigen Erinnerungskraft, wie man sie in vielen Gedichten Bonnés findet, scheint das eigentliche Element seiner Poesie zu sein. Dinge, vergangene Augenblicke wieder zum Leben zu erwecken – nicht immer geschieht dies ohne Weichzeichner.

Es wimmelt nur so von Reminiszenzen und Verbeugungen, ausführlichen Widmungen an Zeitgenossen und Annäherungen, an Dylan Thomas oder Emily Dickinson, wie in dem Gedicht „Luftmacumba“, das zu den stärksten zählt. Doch in jenem „Zischelwind“ am „schweigenden Hain Gottes“, in welchem Trakl seine Welt-Verzweiflung in erschütternde Verse einflüsterte, spaziert nur mehr „der müde Engel am grünen Fluss entlang auf Wanderschaft“. Aus dem Engel der Vernichtung ist ein somnambuler Pilger geworden.

Und das Ungeheure, die Zeitendämmerung, ihre Geisterstimmen? Sie sind einem Tasten gewichen, das manchmal ins Gefühlige abdriftet. Indes beschert Bonné seinen Lesern einige wundervolle Ding- und Tiergedichte, etwa über Weberknechte und Kreuzspinnen. So heißt es einmal: „Er hat Dornenwimpern./Bebt, wenn im Weiher/Forellen trauern, still/ weinen unter Wasser,//oder ganz unfassbar/Blätter zittern, Pappeln/im erfinderischen Wind – /einmal so erfunden sein.//So kommt er auf dich zu,/du fahle Karkasse. Äugt,/ Nimmt dich in den Blick/und deinen mit sich fort.“ Noch in der scheinbar niederen Kreatur entdeckt Mirko Bonné die Schönheit der Schöpfung und gibt ihr eine ethische Entsprechung. Tom Schulz

Mirko Bonné: Traklpark. Gedichte. Schöffling & Co. Frankfurt a. M. 2012. 105 Seiten, 18,95 €.

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