Kultur : Müll der Geschichte

Bora Cosic räumt in seinen Grotesken auf

Bettina Kaibach

Wie soll ein solcher Haushalt funktionieren? Der Besenstiel hat sich in eine Fahnenstange verwandelt. Im Kochtopf gart ein von Kugeln durchlöcherter Soldatenmantel. „Wie einen Verletzten“ zieht man ihn am Abend aus dem Wasser. An die Wäscheleine gehängt, gleicht er einem Erhängten. Und dieser Mantel soll das Nesthäkchen der Familie im Kriegswinter 1944 warm halten. In den Erzählungen des nach Berlin emigrierten Serben Bora Cosic wird die häusliche Zweckentfremdung zur Chiffre für die Entfremdung des Menschen in einer von Krieg und Revolution erschütterten Welt.

Die meisten Texte in dem Band „Im Ministerium für Mamas Angelegenheiten“ stammen aus den sechziger Jahren und wurden seither etliche Male überarbeitet. Thematisch sind sie eng verwandt mit Cosics 1969 erschienenem Roman „Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution“, der den Autor auch außerhalb Jugoslawiens berühmt machte. Hier wie dort schildert Cosic den Einbruch der Weltgeschichte in den Alltag einer kleinbürgerlichen Belgrader Familie: die Luftangriffe durch die Wehrmacht im April 1941, die Jahre der deutschen Besatzung, die Befreiung durch die Rote Armee im Herbst 1944 und die Machtergreifung der Kommunisten. Auch das Personal ist bekannt: Vater säuft, der Onkel hurt, Opa behält stets das letzte Wort, und Mutter versucht verzweifelt, einen Anschein von Ordnung aufrechtzuhalten. Hier wie dort wird aus der Sicht eines Kindes erzählt, das die Verwerfungen ähnlich staunend betrachtet wie die Monstrositäten des Krieges.

Dass sich das Spektrum menschlicher Gewalt im Prisma kindlicher Naivität beklemmend sichtbar machen lässt, wussten schon die Verfasser des „Simplizissimus“ oder des „Huckleberry Finn“. Bei Cosic bleibt der naive Erzähler eine Randfigur. Den Zusammenhalt der Prosastücke, die Cosic selbst mit Collagen vergleicht, stiftet weniger das einende Bewusstsein als eine Reihe wiederkehrender Motive. Das sind zuallererst die menschlichen „Gewerbe“, die in den einzelnen Erzählungen katalogartig aufgeblättert werden und den Schussfaden bilden, der die Texte zu einem Ganzen vernetzt: Elektriker, Handelsgehilfen, Stickerinnen, Schürzenjäger und Zauberer.

Manche Berufe verschwinden über Nacht, etwa die Klavierstimmer. Opa kennt den Grund: „Wenn es doch lauter Juden waren.“ Dafür steigt jäh die Zahl der Hobbyfriseure, als die im Schutzkeller versammelte Hausgemeinschaft einer angeblichen Kollaborateurin kollektiv den Kopf schert. Der Drucker, der einst Visitenkarten herstellte, druckt nun die Listen der von der Besatzungmacht Erschossenen. Es ist, so lernt der Erzähler, ein schmaler Grat, der die Normalität vom Verbrechen trennt. Das gilt auch für die Sprache. In zahlreichen Assoziationsketten spielt Cosic durch, wie die Alltagssprache zum Idiom des Menschheitsverbrechens mutiert: Vom Haushaltsmüll ist es nicht weit zum „Müll der Geschichte“ und schließlich zum Menschenmüll, den es zu beseitigen gilt. In einer Erzählung lässt Cosic einen Berliner namens Biberkopf auftreten – eine Hommage an Alfred Döblin, an dessen Collagestil er anknüpft. An Isaak Babel erinnert die Schockästhetik, mit der die Gewalt ins Leben bricht. Bora Cosic gilt zu Recht als Meister grotesker Komik. Aber das Lachen bleibt einem im Hals stecken. Bettina Kaibach

Bora Cosic: Im Ministerium für Mamas Angelegenheiten. Aus dem Serbischen von Katharina Wolf-Grießhaber. Folio Verlag, Wien/Bozen 2011. 160 Seiten, 22,90 €.

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