Kultur : Müll und Blumen

Forum: „Stadt ohne Mitleid“ der Israelin Tsipi Reibenbach

Silvia Hallensleben

Tsipi Reibenbach ist ein bekannter Gast im Forum. „Wahl und Schicksal“ (1994) und „Drei Schwestern“ (1998) sind wohl vielen noch in guter Erinnerung. Beides Dokumentarfilme, beide beschäftigten sich mit der Familiengeschichte der Regisseurin, der Generation der Eltern und ihrer Geschwister, die traumatisiert durch Verfolgung und Lagererfahrung in Israel ihre Zuflucht fanden.

Auch Reibenbachs 65-Minuten-Video „Eer lelo rahamim/Stadt ohne Mitleid“ ist ein persönlicher Film, auch er beschäftigte sich mit Erinnerungen. Diesmal ist es die Regisserin selbst – und die Stadt Lydda/Lot, in der sie einige Jahre ihrer Jugend verbracht hat. Heute sind die Stätten der Kindheit Ruinen, der damalige Kinosaal dient Junkies zur Zuflucht und selbst die Jahrtausende alten Ausgrabungen sind kurz nach Entdeckung wieder unter Erde und Müll verschüttet.

Warum? Lassen die Bewohner ihre Stadt vergammeln? Werden Steuergelder falsch verteilt? Was ist mit den Industriebauten im Hintergrund? Reibenbach sagt, sie wolle keine Schuldigen benennen. Doch sie geht den Dingen auch nicht auf den Grund, versucht es gar nicht erst. Man hat dem Film anti-arabische Tendenzen vorgeworfen, doch es ist wohl eher die diffuse Untergangs-Angst des Mittelstands, die sich hier artikuliert. Deren sentimentales Leitbild kann durchaus auch der arabische Ölbauer sein. Über Tsipi Reibenbachs Sentimentalitäten wissen wir mehr nach diesen Film. Doch um zu verstehen, was in dieser Stadt geschieht, reichen Bilder von Blumen und Müllhalden nicht aus.

Heute 20 Uhr (Babylon), morgen 18.15 Uhr (Cinemaxx 3 )

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