Kultur : Müllkippe Meer: Ziemlich giftig

Eric Bonse

Der Untergang des Chemiefrachters "Ievoli Sun" vor der französischen Kanalküste wird zum Politikum. Staatspräsident Jacques Chirac, der derzeit den EU-Rat leitet, forderte die Europäische Union am Mittwoch zu einer raschen Verschärfung der Sicherheitsvorschriften im Seeverkehr auf. Entsprechende Maßnahmen sollen spätestens beim EU-Verkehrsministertreffen am 12. Dezember beschlossen werden, so Chirac. Unterdessen macht die Pariser Linksregierung das "Profitstreben" der Öl- und Chemiekonzerne und den "Liberalismus" in Europa mitverantwortlich für das neuerliche schwere Seeunglück vor Frankreich.

Was geschah nach der "Erika"?

Erst vor zehn Monaten war der Öltanker "Erika" vor der bretonischen Küste zerbrochen. Es folgte eine monatelange Ölpest, die der französischen Tourismusbranche und der Fischereiwirtschaft empfindliche Einbußen bescherte. Paris reagierte mit großzügigen Entschädigungen, aber auch mit drei Memoranden, in denen verschärfte Sicherheitsvorschriften für den Seeverkehr gefordert werden. Der Schutz der Meere sei ein Schwerpunkt der französischen EU-Ratspräsidentschaft, hieß es noch im Juni. Der Untergang der "Ievoli Sun" verstärkt nun den Eindruck, dass seither nichts geschehen sei.

Präsident Chirac, Verkehrsminister Jean-Claude Gayssot und Umweltministerin Dominique Voynet wetteifern zwar um symbolische Präsenz am Unglücksort. Der Kommunist Gayssot war als erster im normannischen Hafen Cherbourg, Chirac folgte erst gestern nach. Doch konkrete Maßnahmen und greifbare Erfolge im Kampf gegen die Verschmutzung der Meere konnten sie nicht vorweisen. Derweil warfen die an der Regierung beteiligten Grünen und die bürgerliche Opposition der Regierung eklatantes Versagen vor. "Wir reagieren auf den Notfall und bereiteten gleichzeitig mittelfristige Maßnahmen vor", verteidigte sich Premierminister Lionel Jospin.

Noch vor Jahresende sollen neue EU-Direktiven die Sicherheitskontrollen für Frachtschiffe verschärfen. Außerdem will Paris die Verantwortlichkeit der auftraggebenden Konzerne strenger regeln und eine europäische Meeresschutzbehörde einführen. Diese Idee stößt nach französischer Darstellung allerdings auf Widerstand in Deutschland, Griechenland und den Niederlanden. Die Pariser Debatte finde in Europa kein Echo, klagt auch Ex-Innenminister Jean-Pierre Chevènement. Deshalb müsse Frankreich notfalls im Alleingang handeln.

Diese Meinung wird in der Regierung allerdings nicht geteilt. Jospin setzt auf die EU - und auf die Einsicht der Öl- und Chemiekonzerne, die die Tanker chartern. Der franko-belgische Ölkonzern Totalfina, der die "Erika" im Dezember in See geschickt hatte, zeigte sich allerdings erst nach tagelangem Zögern kooperationsbereit. Ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Ölpest in der Bretagne verkündete Totalfina-Chef Thierry Desmarest zudem noch Rekordgewinne. Anders die vom Untergang der "Ievoli Sun" betroffenen Firmen Shell und Esso (Exxon): Beide Konzerne setzten umgehend Krisenstäbe ein. Shell sicherte zudem zu, die Verantwortung für eventuelle Umweltschäden zu übernehmen, wenn ein Verschulden nachgewiesen werden sollte.

"Profitgier ist schuld an der Katastrophe"

Zuvor hatte Umweltministerin Voynet den Ölkonzern scharf kritisiert. "Es ist ein Skandal, dass die Auftraggeber ein Jahr nach der "Erika" immer noch keine Konsequenzen gezogen haben", sagte die prominente Grünen-Politikerin. "Die Profitgier, die Gleichgültigkeit für die Umwelt und das Desinteresse am Leben der Seeleute sind schuld an der neuen Katastrophe." Vor einem Jahr war die Ministerin heftig kritisiert worden, weil sie zunächst die Katastrophe der "Erika" heruntergespielt hatte. Kurz vor dem Parteitag der französischen Grünen am kommenden Wochenende steht Voynet diesmal unter dem Druck der Parteibasis, die den Untergang der "Ievoli Sun" als "Umweltverbrechen" verurteilt wissen möchte.

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