Kultur : München heuchelt: Wie macht man aus einem runden Stadion ein eckiges?

Mirko Weber

Ein toller Tag damals, Ende August 1972, als Kurt Edelhagen in München vor seiner Big-Band stand und mit dem Finger schnippte. Die Olympischen Spiele wurden eröffnet, der Himmel war geradezu unverschämt blau, und die Bundesrepublik Deutschland swingte. Die Welt rieb sich ein bisschen verwundert die Augen. Diese Teutonen: locker, nett, nicht zu fassen! Und wenn später immer wieder der Geist dieser Tage beschworen wurde, hieß es überall, dies seien heitere Spiele gewesen - trotz des palästinensischen Überfalls auf die israelische Olympiamannschaft.

Die Heiterkeit lag am Hausherrn - und am Haus. Hatte man so was schon einmal gesehen? Ein Stadion unter einem Zeltdach, lichtdurchflutet, offen, einfach schön? Das Münchner Olympiastadion des Architekten Günther Behnisch ist einmalig, doch ist das alles auch schon lange her. Nun wird es das Olympiastadion in dieser Form nicht mehr lange geben, und um verstehen zu wollen, warum das so ist, nimmt man heute im Stadion am besten mal einen Sitzplatz ein, sagen wir Gegengerade, Mitte. Grundsätzlich eine prima Aussicht. Dass sich die Tartanbahn zwischen Zuschauer und Spielfeld befindet, geht noch an, obwohl man aus Dortmund, Leverkusen und neuerdings Hamburg weniger Abstand gewöhnt ist.

Aber: Es muss gar nicht mal 1860 gegen Halmstad sein, wo nur 12 000 Zuschauer kamen; es kann auch der FC Bayern gegen Paris St. Germain spielen, da waren es 25 000 mehr. Grundsätzlich gilt: Oft zieht es, es ist ungemütlich, dann kommt wenig Stimmung auf. Von Regen nicht zu reden. Natürlich gibt es die Momente noch, in denen das Stadion nach wie vor einmalig wirkt. Wenn es voll ist, wie gegen Madrid oder beim Derby, wenn der Abend lau ist und der Fußball erstklassig. Dann hat das Zeltdach einen seltsamen Zauber. Dann scheint es zu atmen, dann wirft es die Begeisterung als Echo zurück - oder scheint zu murmeln: Weißt du noch, als Heide Rosendahl Grashalme in den Wind streute und die Goldmedaille gewann? Weißt du noch, als Müller sich um die eigene Achse drehte, das 2:1 gegen Holland und Deutschland wurde Fußballweltmeister? Weißt du noch, als Borussia Dortmund hier als einzige deutsche Mannschaft bisher die Champions League gewann? Ja dann. Aber nur dann.

Das Dach ist das Feigenblatt

Die Stadt München, das Land Bayern und die beiden Bundesligavereine TSV 1860 und FC Bayern sind bis heute dreimal zusammengekommen, und derzeit stehen die Dinge so: Der Architekt Behnisch hat zähneknirschend ein Modell geliefert, das verzweifelt versucht, aus dem runden Stadion ein eckiges zu machen. Behnisch wollte gar nicht umbauen, aber wenn er schon umbauen muss, will er es wenigstens selber tun. Künftig soll keiner mehr im Nassen sitzen. Dafür muss der Boden gesenkt werden und alles andere abgerissen - bis auf das Dach (das Dach ist so etwas wie das Feigenblatt in der ganzen Debatte). Die Stadt München zahlt 200 Millionen Mark, die Vereine zahlen 100 (Bayern 60, TSV 40), den Rest trägt das Land. Die Frage aber, wie viel Rest bleibt - kalkuliert sind 400 Millionen Mark - scheint derzeit nicht die wichtigste zu sein. Menschen, die Gemüt haben, bewegt viel mehr, ob man sich da nicht an einem Denkmal versündige.

Man kann das akademisch finden, und ein erinnerungsloser Praktiker wie Franz Beckenbauer zum Beispiel tut das auch. Seinethalben wäre ein Terrorist willkommen gewesen, der hätte das Stadion gesprengt. Nun geht es halt langsamer, weil erst noch die Leichtathletik-Europameisterschaft ausgetragen werden muss, bevor die Abrissbirnen baumeln. Aber es gibt auch Hans-Jochen Vogel, dem keiner unterstellen wird, er sei ein unpraktischer Mensch oder weltenferner Spinner wie diese ganzen lästigen Architekten und Feuilletonisten, die seit Monaten aufheulen, weil hier ein Kulturdenkmal vernichtet wird, wie sie sagen. Hans-Jochen Vogel, der als ehemaliger Münchner Oberbürgermeister das Stadion mit ermöglicht hat, spricht immer von einem "Symbol", wenn es um Behnischs Bau geht. Und, hat er nicht Recht? Das Münchner Olympiastadion ist mehr als die Fußballarena, die es in Zukunft nur noch sein wird. Anders als das Wembley-Stadion, das in London gerade in sich zusammensinkt, steht es für eine Idee, die mehr bedeutet als der Sport, der hier stattgefunden hat. Es verkörpert ein Stück Weltoffenheit, Eleganz und Leichtigkeit des Seins - also nicht nur architekturhistorisch den Gegenentwurf zum Berliner Olympiastadion von 1936.

Aber kaufen kann man sich dafür natürlich nichts. Mehr Profit ist das Ziel für das umgebaute Stadion, zu dem sich jetzt auch all jene bekennen, die früher dagegen waren. SPD-Oberbürgermeister Christian Ude etwa war anfangs gegen einen Stadionumbau, dito Beckenbauer und Wildmoser, die jeweiligen Club-Präsidenten. Die Sechziger mögen das alte Olympiastadion so wenig, wie sie das neue am Ende schätzen werden. Sie hätten lieber ihr Traditionsstadion an der Grünwalderstraße in Giesing umgebaut, dafür gab es ein Modell, doch nicht genug Geld. Und um Geld allein geht es, man darf sich da nichts vormachen. Während die einen von Schönheit reden, haben die anderen ihre Abmachungen längst getroffen. Schon wahr im Übrigen, dass ein Stadion kein Denkmal ist. Ein Denkmal jedenfalls, das über Jahre hinweg nur selten genutzt wird, verfällt zusehends, man braucht nur an das marode Berliner Olympiastadion zu denken. Nur, was für ein Stadion würde München eigentlich eintauschen gegen sein altes, unbequemes, nicht mehr zeitgemäßes, wie es allenthalben heißt?

Auf dem Papier wirkt das Modell wenig überzeugend, und wenn man mal unterstellt, dass der Besucher auch im Jahre 2006 (zumal bei der WM) immer noch vor allem deshalb eine Karte kauft, weil er ein Spiel anschauen möchte, wird er sich dann wohl schwer umgucken. Die Tribünen des Behnisch-Modells weisen so steil nach oben (und das Dach der Gegengeraden hängt so tief), dass auf manchen Rängen mit erheblichen Sichtbehinderungen zu rechnen ist. Verliert München also einen Bau, den einige Leute nicht mehr sehen können, gegen das sogenannte Konsensmodell, in dem viele Menschen dann eines Tages nichts mehr sehen werden?

Ein Bayer, ein Wort?

Das Niveau der Diskussion um den Stadionumbau ist der Sache gleich gar nicht angemessen, nicht zuletzt weil Ministerpräsident Edmund Stoiber und Imperator Franz Beckenbauer immer wieder den Eindruck erwecken, es werde hier letzten Endes doch nach Gutsherrenart entschieden. Doch die eigenen Mienen strafen die Entscheidungsträger mitunter Lügen, wenn sie hinter Behnischs Konzeption Aufstellung nehmen. Ude hat dann diesen Was-wollt-ihr-eigentlich-Blick, Stoiber den Ein-Bayer-ein-Wort-Ausdruck im Gesicht, Wildmoser grantelt in die Schnurrbartspitzen, und Beckenbauer trägt vorsichtshalber die sibyllinische Schaun-mer-mal-Miene. Er weiß ja auch nie genau, in welcher Funktion (Vereinsmitglied, Chef, "Bild"-Kommentator oder künftiger Bundespräsident) er gerade spricht.

Einmal könnte jedoch auch Beckenbauer nicht das letzte Wort behalten, weil es eben gut möglich ist, dass die ganze Angelegenheit noch einmal von vorne losgeht - und das wird keine Freude beim Ministerpräsidenten und beim Organisationsstab der Weltmeisterschaft 2006 auslösen. Wie man nämlich Hans-Jochen Vogel so kennt, hat der schon Vorsorge getroffen, dass demnächst mindestens 30 000 Unterschriften von Münchner Bürgern in einer großen Klarsichthülle auf dem Tisch des Oberbürgermeisters landen. Spätestens dann wird Ude merken, was er vorerst nur undeutlich zu ahnen scheint: Beim Umbau des Münchner Olympiastadions geht es nicht nur um den lokalen Fußball und seine marktgerechte Präsentation.

Der nächste Stadiongipfel ist am 18. Mai nächsten Jahres. Dann gibt es noch einen Plan des Architekten und weitere Hochrechnungen, die dann schon bei insgesamt über einer halben Milliarde Mark angekommen sein dürften. Man wird es wieder zwingen wollen im Mai, unglücklich sein und happy tun. München heuchelt.

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