Kultur : „München ist wahnsinnig schön“

Hallo Preußen: Dirigent Christian Thielemann über Oper, Kulturpolitik und Berliner Erinnerungen

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Herr Thielemann, haben Sie Klaus Wowereit zu seinem neuen Amt als Kultursenator schon gratuliert?

Dazu bin ich noch nicht gekommen.

Er hat gerade noch einmal bekräftigt, dass die Kultur in Berlin „nicht degradiert“ werden wird. Klingt doch gut, oder?

Toll, ja! Ich freue mich.

Sind Sie ein Freund der Opernstiftung?

Ich war es und bin es nicht mehr. Warum? Weil ich nach einer Weile feststellen musste, dass sie nicht funktioniert, ja gar nicht funktionieren kann. Natürlich musste man den Status Quo erst einmal eruieren. Aber dann war doch sehr schnell klar, dass es absolut illusorisch ist, bis 2009 eine so horrende Summe wie 17 Millionen Euro einzusparen – und keine Abstriche zu machen: weder in der künstlerischen Qualität noch in der Anzahl der Häuser. Ich habe daraus, wie man weiß, 2003 meine Konsequenzen gezogen, ziehen müssen.

Dass es nicht funktioniert, hat Opernstiftungsdirektor Michael Schindhelm erst vor einem halben Jahr gemerkt.

Ich kenne Herrn Schindhelm nicht. Natürlich wird einem nicht immer gleich die ganze Wahrheit gesagt, vor allem nicht, wenn man neu in einer Stadt ist, schon gar nicht in Berlin. Vielleicht hätte er vorher ein bisschen telefonieren sollen, sich erkundigen, warum so viele erfahrene Theaterleute sein Amt abgelehnt haben . . .

Hatten Sie bei Ihrem Treffen mit Angela Merkel in Bayreuth den Eindruck, dass sie respektive der Bund die Staatsoper Unter den Linden überhaupt haben will?

Ich hatte eher das Gefühl, dass Frau Merkel sehr gut informiert ist und sich über die Gesamtsituation Gedanken macht. Denn was hieße es denn, wenn die Staatsoper tatsächlich in die Obhut des Bundes wanderte? Ist sie noch mehr Solitär, noch mehr Queen Mary II, während die anderen beiden Häuser die Kutterfahrten besorgen? Hat sie es überhaupt noch nötig, gewisse Spielplanabsprachen zu treffen? Und wie gut werden in einem solchen Fall die anderen beiden Häuser dotiert sein?

Seit Daniel Barenboim mit dem damaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann Bundesgelder für die Staatskapelle vereinbart hat, sind Sie auf das Haus Unter den Linden nicht gut zu sprechen.

Falsch. Ich bin auf die Berliner Kulturpolitik nicht gut zu sprechen, die mich monate-, ach was, jahrelang mit meiner Forderung nach Gleichberechtigung hingehalten hat, um dann zu sagen: April, April, geht alles nicht. Den Kollegen gönne ich jedes Geld der Welt. Darüber hinaus finde ich es vergleichsweise absurd, dass in den zu verhandelnden Begehrlichkeiten ausgerechnet die Lindenoper nun zu einer Art Nationalheiligtum hochstilisiert wird: Sonst will man in Deutschland mit Preußen doch nie etwas zu tun haben. Auf die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mögen wir alle stolz sein, aber wenn man laut überlegt, ob sich Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern nicht zu einem neuen Bundesland Preußen vereinigen sollten, dann wird laut aufgeschrien. Nur bei der Lindenoper ist plötzlich unser preußisches Erbe ausschlaggebend. Und ich persönlich bin ja nun sehr für Preußen! Aber wäre es nicht, so frage ich mich, ein ebenso mutiges wie nötiges Signal für den mehr und mehr ins Abseits geratenden Westen dieser Stadt, die Deutsche Oper, das größte Haus am Platz, in den Rang einer Bundesoper zu erheben?

Die Ausstrahlung des Hauses legt eine solche Überlegung nicht gerade nahe.

Das mag sein.

Bereuen Sie es, aus Berlin weggegangen zu sein? Vielleicht hätten Sie ja doch noch etwas bewegen können?

Meine Entscheidung bereue ich nicht. Aber es war eine bittere Entscheidung. Ich habe die letzten drei Jahre künstlerisch auf das Traumhafteste nutzen können, in München, in Bayreuth und Wien. Andererseits schneide ich mir ein Haus wie das an der Bismarckstraße, in der ich meine gesamte Opernkindheit verbracht habe, in der ich als Korrepetitor angefangen habe, nicht einfach von heute auf morgen aus der Seele. Das bleibt ambivalent. Aber was sollte ich machen? Die Politik hat mich vor die Wahl gestellt: Lichtschalter an oder Lichtschalter aus. Und es war nicht einmal eine ehrliche Wahl.

Wann sind Sie zuletzt in der Deutschen Oper gewesen?

Ist lange her.

Joachim Kaiser hat über einen Besuch in Masuren einmal gesagt, es sei „kränkend“, wenn die Mauern zwar die Mauern sind, man seine alte Heimat darin aber nicht wiederfindet.

Das kann ich sehr gut verstehen.

Wenn Sie heute Abend mit den Münchner Philharmonikern in Berlin gastieren, betreten Sie das Podium dann als Frühheimkehrer oder als Besucher?

Als Heimkehrer! Ich bin ja nie weg gewesen. Einmal Berliner, immer Berliner! Nein, im Ernst: Ich bin wahnsinnig gerne in München, und München ist eine wahnsinnig schöne Stadt mit wahnsinnig guten Arbeitsbedingungen für mich. Die Musiker werden anständig, das heißt vor allem: international konkurrenzfähig bezahlt und wir haben genug Zeit für unsere Arbeit, für die Proben. Das mag man in Berlin nicht so gern hören, aber so ist es nun einmal. Ich genieße es, in zwei so völlig unterschiedlichen Städten und Welten leben zu dürfen.

Wo im aktuellen Ranking der Berliner Orchesterlandschaft würden Sie die Münchner Philharmoniker ansiedeln?

Ganz oben. Das ist ein absolutes Präzisionsinstrument – und, wenn man so will, ein sehr deutsches Orchester. Ich lasse übrigens auch in der alten deutschen Sitzordnung spielen, erste und zweite Geigen sitzen einander also gegenüber. In ihrem angestammten Repertoire, in den Dingen, die sie sich mit Sergiu Celibidache erarbeitet haben, da sind die Münchner absolut famos, bei Bruckner, bei Brahms. Wobei Celibidache ja durchaus einen Hang zu einem sehr obertonreichen Klang hatte, das war so seine französisch-südländische Komponente. Deswegen sind die auch mit französischer Musik so gut, die haben das Dunkle, die haben das Helle – und ich darf mir als Kapellmeister ausdenken, wann ich wo welche Farbe einsetze. Luxuriös!

Wenn man sich das Generalmusikdirektoren-Abo der laufenden Saison anschaut, dann hat man den Eindruck, als würden Sie ausschließlich an dem arbeiten, was ohnehin gekonnt wird: Beethoven, Brahms, Bruckner, Pfitzner, Strauss, Schumann.

Je größer das Repertoire in kurzer Zeit ist, desto weniger können Sie als Dirigent bei einem Orchester spezifisch erreichen oder verändern. Heute Yves, morgen Nono, übermorgen Beethoven und Mahler – da besteht ein bisschen die Gefahr, dass die Dinge sich nicht wirklich voneinander abheben. Mir geht es darum, dass ich mir zunächst ein Rüstzeug verschaffe. Gewisse Spielweisen müssen vereinheitlicht werden, um zu einer gemeinsamen Sprache zu finden. Und natürlich wird sich das Repertoire sehr verändern, wenn wir diesen Prozess hinter uns haben. Andererseits gilt: Wenn Sie Beethovens Zweite wirklich gut studiert haben, dann macht Ihnen auch das neue Stück von Henze oder Matthus viel weniger Mühe.

Glauben Sie an die viel beschworene Erschöpfung des Kernrepertoires, daran, dass es gewisse Stücke gibt, die die Musikwelt zu lange zu sehr geherzt hat, auf dass diese nun wie arme, abgewetzte Teddys in der Sofaecke sitzen?

Sobald ich das Gefühl habe, ein Stück hat sich für mich abgewetzt, lege ich es beiseite. Das sind Wellenbewegungen. Beethovens Neunte zum Beispiel oder Schuberts Unvollendete werde ich in den nächsten Jahren nicht anrühren.

Wo aber bleiben die wirklich neuen Stücke in Ihrem Repertoire? Womit überraschen Sie sich selbst?

Mit dem Leben! Und auf ein Stück Musiktheater wie Alois Zimmermanns „Soldaten“ hätte ich große Lust, ganz ehrlich.

Vielleicht haben Sie überhaupt Lust auf Oper, Lust auf ein eigenes Opernhaus, das muss ja nicht in Berlin stehen?

Na ja, vielleicht, vielleicht . . .

Das Gespräch führte Christine Lemke- Matwey.

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