München : Loch im Globus

Wetterbericht zur Eröffnung des Theatertreffens: Die Münchner Kammerspiele spielen „Sturm“.

Rüdiger Schaper

Shakespeares „Sturm“ – sein sehr wahrscheinlich letztes Stück – gleicht einem Ozeanriesen. Es ist so vollbeladen, aufgepackt bis an den Mast, dass es sogleich versinken müsste, wenn es mit dem feuchten Element oder trockener Theaterluft in Berührung kommt. Was stapelt sich da alles! Welches Weltgeschehen, im Kleinsten wie im Größten, wird da verhandelt! Kolonisierung, Sklaverei, Globalisierung, Hochverrat, Familiendrama, Liebeskomödie, schwarze und weiße Magie, Hass und Gnade, Philosophie und Politik . . .

Und doch schwimmt dieses Monstrum, segelt davon mit einer Leichtigkeit, ist nicht zu fassen. Denn im schönsten Sinn des Wortes ist „Der Sturm“ eine Luftnummer, eine Theaterallegorie, jenseits von Bedeutungen und Deutungen. „Der Sturm“ versöhnt, schafft Harmonie, freilich um den höchsten Preis, der im Theater zu zahlen ist: Am Ende herrscht komplette Desillusionierung.

Prospero, der Zauberer, legt seine Kunst nieder. Ariel, sein dienstbarer Geist, erhält die Freiheit und löst sich in Luft auf. Prosperos Familie, wieder vereint, kehrt nach Verbannung und Schiffbruch nach Hause zurück, und allen steht der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Das Theater ist aus, eine Welt untergegangen. Als das Stück 1611 in London uraufgeführt wurde, haben es die Zeitgenossen so empfunden. Ihre Welt war plötzlich eine andere, gehorchte einer neuen Geografie, Galileo hatte sein Fernrohr konstruiert, New York war gegründet, der Globus wurde modern vermessen. Es muss damals, vor 400 Jahren, eine gewaltige allgemeine Verunsicherung und Faszination gegeben haben, so wie wir es heute erleben. Shakespeares Globe Theatre trägt die Entwicklung schon im Namen. Sein „Mailand“, sein „Mittelmeer“, seine „Karibik“: alles rein virtuell.

Ein „Sturm“ zur Eröffnung des Theatertreffens, ein Endspiel zu Beginn: Stefan Puchers Inszenierung von den Münchner Kammerspielen bringt, ohne dass man es sogleich bemerkt, einen gültigen Wetterbericht aus deutschsprachigen Theaterlandschaften ins Berliner Festspielhaus. Ja, so wehen die Winde, oder auch nicht. So steht’s. Puchers Arrangements wirken verhangen, aber auch leicht. Seinem Prospero ist schon deshalb Härte und Gewalt genommen, weil die wunderbare Hildegard Schmahl die Rolle mit weiblicher Skepsis spielt. Sie glaubt wohl nicht so recht an den Altmännerspuk, den dieser Prospero ein letztes Mal vom Stapel lässt. Pucher gilt als Pop-Regisseur, was immer das mal hieß. Er entdeckt in Shakespeare ein Leiden an der Welt, eine Melancholie, die er zu einer fast schon entsagenden Spielart des Theaters macht. Selbst einem immer quirligen, witzigen, aufsässigen Schauspieler wie Wolfgang Pregler ist die Existenz als Poltergeist und Entertainer Ariel einfach zu viel. Er will nur raus aus dieser Show.

Bevor Pucher aber die Theatermaschinerie zu entkleiden beginnt, als wäre Prospero ein gealterter Hamlet, geschieht etwas anderes. Da laufen Videos von Chris Kondek: Schiffbruchsszenen aus dem Backstage-Bereich, feinstes B-Picture-Handwerk mit Überblendungen und geschaukelten Kulissen. Schauspieler schütten einander Wassereimer über den Kopf – die tosende See. Schiffsplanken aus Pappmaché. Tiefe Stürze aus zwanzig Zentimeter Höhe. Die spielen da hinten Weltuntergang, man sieht Kameraleute, Mikrofone ragen ins Bild.

Das Theater soll ja todsterbenskrank sein, man hat es dieser Tage in der „FAZ“ und in der „Zeit“ wieder ausführlich gelesen. Pucher und Kondek lassen in rauschenden Kaskaden aber erst einmal das Kino absaufen. Barbara Ehnes’ Drehbühne gleicht einem aufgeblätterten Buch; Reverenz an Peter Greenaways Shakespeare-Film „Prospero’s Books“, an den man sich auch schon wie an etwas lang Vergangenes erinnert.

Selten war Video im Theater so poetisch, aber zugleich auch so auf dem Rückzug. Diese elektronischen Bilder wollen nicht mehr dominieren – es gilt wieder das gesprochene Wort. Der Text, heftig gekürzt und in saures Umgangssprachebad getaucht, wird sauber und klar gesprochen. Puchers Stil wirkt eklektisch, teilweise altmodisch, da gärt etwas. Was kommt nach der Hommage an das romantische Kino? Fernsehmuster: Die auf Prosperos Insel Gestrandeten sehen aus wie die amerikanischen Mafia-Typen der „Sopranos“, was die intelligenteste TV-Serie seit Menschengedenken war; und dieses Gedenken wird eben immer kürzer und ungenauer. Die Animiermädels, woher kommen die? Sicher will Pucher zeigen, dass einsame Inseln auch nur noch Pauschaltouristikhöllen sind. Aber das funktioniert nicht, ist peinlich und langweilig, so wie sich die nöligen Kreischarien des Caliban von Thomas Schmauser zäh anlassen und schnell versanden.

Caliban, ein Primitivling von Comedian? Ach, diese ewigen Medien- und Kulturkämpfe. Pucher führt sie pflichtschuldig und macht damit blöde schwarze Löcher in seine Inszenierung, die – doch, ja! – berührt. Die Würde der Hildegard Schmahl, wenn sie am Schluss mit zarter Geste dem Publikum bedeutet, nicht zu früh die Abstimmung mit den Händen zu beginnen. Die Inbrunst des Peter Brombacher (Gonzago), wenn er aus voller Seele „Watching the Wheels“ singt. Die Versöhnung von John Lennon und William Shakespeare, falls diese beiden Engländer je ein Problem miteinander hatten.

Pop also ist passé, in der rotzigen, destruktiven Spielart. Klassik hat es so auch nie gegeben. Jetzt ist alles zeitgenössisch und manchmal schwer zu ertragen: Diese betriebsame Ruhe vor den Stürmen, die sich draußen irgendwo zusammenbrauen. Einen souveränen Beobachtungsposten einzunehmen, dazu ist das Theater im Moment nicht in der Lage.

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