Kultur : München und Murnau zeigen die Frühgeschichte der Künstlergruppe

Bernhard Schulz

Die Kunst des "Blauen Reiter" bietet ein unerschöpfliches Reservoir für Ausstellungen. Im Bayerischen zählen ihre Bilder zum selbstverständlichen Bestand. Das Münchner Lenbachhaus verfügt seit der Schenkung Gabriele Münters, der einstigen Lebensgefährtin Kandinskys, im Jahr 1957 über ein konkurrenzloses Panorama dieser Kunst und stärkt seine Besucherbilanz regelmäßig mit entsprechenden Ausstellungen.

Derzeit veranstaltet das Lenbachhaus eine Ausstellung, die jenseits aller Opulenz ein kunsthistorisches Desiderat befriedigt. "Der Blaue Reiter und das neue Bild" ist der Titel einer Forschungsarbeit, die die gemeinhin in drei Sätzen abgehandelte Vorgeschichte des "Blauen Reiters" sichtbar macht: nämlich die drei Ausstellungen, an deren ersten beiden Wassily Kandinsky teilgenommen hatte, um sich nach einem Zerwürfnis mit dem Veranstalter abrupt abzuwenden und parallel zur dritten Ausstellung eine eigene zu veranstalten, jene "I. Ausstellung der Redaktion des Blauen Reiters", mit der ein grundstürzend neues Kapitel der modernen Kunst aufgeschlagen wurde.

Besagter Veranstalter war die "Neue Künstlervereinigung München" (NKVM), ein fortschrittlich gesonnener Zusammenschluss, der unter maßgeblicher Beteiligung Kandinskys entstand und 1909 und 1910 seine vielbeachteten Gruppenausstellungen abhielt. 1911 kam es zum Bruch, als Kandinsky sein vollabstraktes Großformat "Komposition V" zur dritten Ausstellung einreichen wollte und auf die Ablehnung der Vereins-Jury stieß. Der umtriebige Kandinsky, der in dieser kurzen Zeitspanne die erregende Entwicklung zur ungegenständlichen Malerei durchlief, ließ sich nicht aufhalten. Gemeinsam mit dem gerade erst zur NKVM hinzugestoßenen Franz Marc, mit dem er unterdessen an der Vorbereitung eines "Almanachs" arbeitete, organisierte er "Die I. Ausstellung der Redaktion des Blauen Reiters", die noch Ende 1911 eröffnet wurde und dem Erscheinen des Epoche machenden "Almanachs" im Mai 1912 vorangeht.

So weit, so bekannt. Was aber auch unter Kunsthistorikern bislang fehlte, war die präzise Kenntnis der Ausstellungen der NKVM. Die Lenbachhaus-Kuratoren, voran Annegret Hoberg und Helmut Friedel, haben nun akribisch recherchiert, um welche Bilder es sich gehandelt hat, und die drei NKVM-Ausstellungen plus die Gegenveranstaltung des "Blauen Reiters" so weit als möglich rekonstruiert. Dafür bot sich die unterirdische Dependance des "Kunstbaus" an, in den sich Nachbauten der vier Ausstellungen größengetreu einbauen ließen. Der Besucher sieht also nicht nur die entsprechenden Bilder, er wandelt gewissermaßen durch die einstigen Räume der Münchner Galerie Thannhauser, in der seinerzeit alle Ausstellungen abgehalten worden waren.

Der wichtigste Ertrag dieser Rekonstruktion besteht in der Erkenntnis, wie vielgestaltig sich die Kunst in dieser Umbruchsituation zeigte. Kandinsky war mitnichten die einsam herausragende Figur. Die Zwei-Mann-Redaktion des Almanachs, vor allem aber Kandinskys ebenso umfangreiche wie auslegungsfähige Textproduktion, haben die Weggefährten im Urteil der Späteren in den Hintergrund gedrängt. Immerhin war die NKVM eine Gründung, an der Künstler wie Jawlensky, Hofer, Kubin, Kanoldt und nicht zuletzt Marianne von Werefkin und Gabriele Münter beteiligt waren. Die Ausrichtung des Vereins war alles andere als provinziell.

Der begleitende Katalog des Lenbachhauses wird als Nachschlagewerk unverzichtbar bleiben. Die nunmehr salomonisch dem "Kreis" des Blauen Reiters zugezählten Künstler neben Kandinsky und Marc werden stärker in den Blick kommen. Für Gabriele Münter gilt dies um so mehr, seit ihr "Russenhaus" im oberbayerischen Murnau in den Ursprungszustand zurückversetzt und im Frühsommer zugänglich gemacht worden ist. Der Publikumszuspruch ist enorm. An den Wochenenden bilden sich regelmäßig Schlangen von Interessenten, die das blaue Haus auf einer Anhöhe gegenüber Stadt und Schloss besichtigen wollen. Das puppenstubenhafte Innere mit einer Vielzahl der von Kandinsky und Münter bemalten Möbel und mit Beispielen der von ihnen gesammelten Volkskunst - insbesodere der Hinterglasbilder - lässt den intimen Rahmen lebendig werden, in dem sich die Entwicklung der süddeutschen Moderne vor dem Ersten Weltkrieg vollzog.

Unweit, in dem für die Kunst des "Blauen Reiters" so engagierten Schlossmuseum Murnau, ist derzeit eine kleine, aber hochkarätige Privatsammlung unter dem Titel "Paul Klee und seine Weggefährten" zu sehen. Klee war an der zweiten, der Grafik gewidmeten Ausstellung der Künstlergruppe 1912 beteiligt - noch bevor er selbst, auf seiner legendären Tunisreise 1914, den Durchbruch zur Farbe und damit zur Malerei erfuhr. Die jetzt vorgestellte Sammlung reicht in die zwanziger Jahre hinüber, als Klee und Kandinsky am Bauhaus lehrten, gemeinsam mit den hier gleichfalls vertretenen Lyonel Feininger und Oskar Schlemmer. Gänzlich unangestrengt schlagen die - qualitativ durchweg erstrangigen - Bilder der Murnauer Ausstellung einen Bogen, der von der NKVM zum Weimarer Bauhaus reicht und der mit der Zentralfigur Klee einen anderen, aber gleichermaßen bedeutenden Mittelpunkt aufweist als die historische Rekonstruktion im Münchner Lenbachhaus.München, Lenbachhaus (Kunstbau), bis 3. Oktober. Katalog im Prestel-Verlag, 48 DM, imBuchhandel geb. 98 DM. - Murnau, Schlossmuseum, bis 7. November. Katalog 34 Mark.

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