Münchens Filmfest : Leben im Müll

Vielleicht sollte sich München noch einmal überlegen, ob es wirklich „die nördlichste Stadt Italiens“ sein will. Auf dem Filmfest jedenfalls wurde dem Sehnsuchtsland im Süden eine verheerende Diagnose gestellt.

Karl Hafner
mafia
Üben für den Ernstfall. Künftige Mafiosi in Matteo Garrones Verfilmung von Salvianos Erfolgsbuch "Gomorra". -Foto: Promo

Mit ein bisschen Amigo, Hemdsärmeligkeit und Sonnenschein hat das alles nichts mehr zu tun. Bella Italia ist todkrank und die italienischen Filme in München vermitteln den Eindruck, dass es kaum noch Chancen auf Heilung gibt. Drei von fünf Filmen haben das organisierte Verbrechen zum Thema.

Die Vorführungen von „Gomorra“ (deutscher Filmstart: 11.9.) von Matteo Garrone, der auf dem Erfolgsbuch von Roberto Saviano basiert, sind schon Tage vorher ausverkauft. Das Publikumsinteresse ist gewaltig. Schon die erste Szene hat etwas erdrückend Schäbiges. Ein paar Mafiosi werden in einem Sonnenstudio niedergeschossen. Gerade eben haben Täter und Opfer noch gemeinsam Witze gerissen. Man kennt sich und tötet sich. Der Film spielt in einem trostlosen Sozialplattenbau in Neapel. In heruntergekommenen Wohnungen warten verarmte Menschen auf finanzielle Zuwendungen der Mafia. Hier hat der Staat in allen Belangen versagt. Wer Arbeit hat, ist glücklich. Wer Botengänge für die Bosse unternehmen darf, ist stolz.

Letzten Endes geht es immer nach dem gleichen Prinzip: Jeder ist abhängig von irgendjemandem. Der Begriff der Ehre hat kaum Bedeutung. Menschen werden getötet wegen nichts. In einer der entlarvendsten Szenen schießen zwei Jungs mit Maschinengewehren auf das Meer hinaus. Sie träumen davon, wie Tony Montana aus Brian dePalmas „Scarface“ zu sein. Doch sie tragen keinen Anzug, sondern sind nackt bis auf ihre verschlissenen Unterhosen. Der Strand ist schmutzig und stahlgrau. Garrone gelingt es mit seinem harten, semidokumentarischen Stil, das letzte Fünkchen Glamour des organisierten Verbrechens zu zerstören.

Die Auswirkungen der Mafia-Geschäfte mit Giftmüll auf Land und Leute untersucht der Dokumentarfilm „Biùtiful Cauntri“ von Esmeralda Calabria und Andrea D’Ambrosini. Man sieht nicht enden wollende Kamerafahrten durch Kampanien vorbei an Müllbergen, brennenden Autoreifen und Kloaken, deren Gestank man förmlich zu riechen glaubt. Wenige Meter daneben bauen die Menschen Obst und Gemüse an, das sie am Abend essen. Schafherden müssen notgeschlachtet werden, weil die Tiere aufgrund von Dioxinvergiftung krepieren. Die Bauern stehen vor dem Ruin. Sie sind verzweifelt und wissen genau, wer ihnen das alles antut. Doch von offizieller Seite gibt es seit Jahren nur Beschwichtigungen.

Der Film konzentriert sich auf die Opfer und doch schwingen die Ursachen dieser Katastrophe immer mit: Skrupellosigkeit, Zynismus, organisierte Kriminalität. Man lässt sich für fachgerechte Entsorgung von Giftmüll aus dem Norden fürstlich bezahlen und kippt das Gift dann einfach in die einst so fruchtbare Landschaft. Die Gewinne sind gewaltig. Nach dem Film herrscht Aufregung im Kinosaal. Eine Frau meldet sich in der anschließenden Diskussion zu Wort: Sie habe aus Frust ihren italienischen Pass abgegeben. Der Müll sei nicht nur im Land, sondern auch in den Köpfen. Vor kurzem hat Italiens Regierungschef Berlusconi angekündigt, das Müllproblem anzugehen mit der gleichen Hartnäckigkeit, wie er es im Falle eines Erdbebens oder eines Vulkanausbruchs täte. Als ob die Müllberge vom Himmel gefallen wären!

Der dritte Film über die Mafia, „Il Divo“ von Paolo Sorrentino, führt mitten ins Zentrum der Macht. In seinem Porträt des siebenmaligen Ministerpräsidenten Italiens Giulio Andreotti zeichnet Sorrentino das Bild einer Witzfigur, die – trotz Mafiakontakten, Verstrickungen in wahnwitzige Korruptionsfälle und Auftragsmorden – mit sich und Gott im Reinen scheint. Tagsüber lässt Andreotti seine Marionetten – honorige Menschen aus Wirtschaft, Klerus und Politik – tanzen, des Nachts schleicht er wie ein Gespenst durch dunkel getäfelte Gänge. Der Film zeigt eine seltsame Schattenwelt. Andreottis politische Freunde werden als Gangster bloßgestellt. Sie alle tanzen nach nur einer Pfeife. Andreotti weiß, wie ein perfektes System zum Machterhalt funktioniert. Eine Spinne und ihr Netz, eine furchtbarer Kosmos.

Wenn man auf dem Filmfest noch die heile Welt der Kinogangster finden wollte, musste man im französischen Kino suchen. In Cédric Angers „Le Tueur" wartet ein einsamer Killer melville’scher Prägung in öden Hotelzimmern darauf, seinen Auftragsmord durchzuführen. Sein Ziel ist ein Investmentbanker, dem er dann noch Aufschub gewährt. Es geht natürlich um große Themen wie Liebe, Tod und Verrat. Hier ist der Killer Sinnbild für Einsamkeit in all ihrer schönen Melancholie. Wenn er alleine in einem Restaurant sitzt und eine Zigarette raucht, spielt das Radio dazu „La Paloma“. Samuel Benchetrit hat mit „J'ai toujours rêvé d'être un gangster“ eine Hommage an das Gangstergenre gedreht, einen Film über Film. In mehreren Episoden wird munter durch die Filmgeschichte zitiert. Eine Cafeteria soll überfallen, ein Kind entführt oder ein Coup wie in alten Tagen durchgezogen werden. Zum Verbrechen kommt es nie, weil sich alle zu blöd anstellen, und doch wird in jedem Bild deutlich, was die Kinoromantik des Gangstertums so attraktiv macht: ein selbstbestimmtes Leben mit Stil und coolen Gesten und am Schluss spaziert man mit der schönsten Frau davon. Zu zweit gegen den Rest der Welt, gegen die Gesellschaft. Im italienischen Kino scheint so etwas derzeit nicht möglich. Hier ist die Mafia die Gesellschaft.

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