Münchner Kammerspiele : Mehr Berlin für München

Matthias Lilienthal eröffnet seine Intendanz an den Kammerspielen mit Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig".

Posieren und Probieren: Niels Bormann, Hassan Akkouch, Walter Hess und Julia Riedler (v.l.) in "Der Kaufmann von Venedig"
Posieren und Probieren: Niels Bormann, Hassan Akkouch, Walter Hess und Julia Riedler (v.l.) in "Der Kaufmann von Venedig"Foto: david baltzer/bildbuehne.de

Die Stimmung ist angenehm gespannt, Theaterdeutschland trifft sich, eine starke Berliner Delegation vorneweg. Es ist das Ereignis der Saison, es fühlt sich an wie eines der letzten Theaterabenteuer in theaterferner Zeit. Matthias Lilienthal übernimmt die Münchner Kammerspiele, der „Berliner Straßenköter“, wie er sich selbst genannt hat, in der Maximilianstraße, der Mann vom HAU als Nachbar des Hotels Vier Jahreszeiten.

Wie schön, dass es Klischees gibt! Die beleben das Geschäft und fallen auf den zweiten Blick schnell auseinander. Lilienthal und München, das ist gar keine Mesalliance, vielmehr eine kalkulierte Setzung. Lilienthal ist ein Beweger. Er garantiert Erfolg oder doch permanentes Aufsehen, was in der verunsicherten Theaterbranche, die arm an Intendantentypen ist, das Spiel schon entscheiden kann. Und natürlich haben die 1911 gegründeten Münchner Kammerspiele eine starke Tradition des Widerständigen, Experimentellen, Politischen und vor allem der besten Schauspielerkunst. Zuletzt leiteten Frank Baumbauer und Johan Simons die Bühne, ein Kreis schließt sich. Es war 1988 bei Baumbauer in Basel, wo Lilienthal seine erste Dramaturgenstelle hatte. Aus der Schweiz ging es nach Berlin zurück, zu Frank Castorf an die Volksbühne.

Das Stadttheater ist eine großartige, kostbare Errungenschaft. Es beeinflusst seine Umgebung, integriert und polarisiert, gleichzeitig eignet ihm etwas Exterritoriales. Wenn Lilienthal und das Architekturkollektiv Raumlabor Berlin mit der Aktion „Shabbyshabby Apartements“ ein Zeichen setzen gegen die Wohnungsnot und die wahnsinnigen Mietpreise in München, dann kann man das als Provokation sehen. Doch gerade auf der Maximilianstraße fügen sich die bewusst schäbig gehaltenen, für eine Nacht buchbaren Notunterkünfte gut ins Bild ein. Vor den Designerläden sehen die Behausungen aus wie Installationen. So funktioniert das Lilienthal-Theater: als eine auf fünf Jahre angelegte Biennale.

"Der Kaufmann von Venedig": eine offene Theatersituation, wie auf der Probe

Die Welt ist kompliziert und will kuratiert sein, geordnet: Kammer 1, Kammer 2, Kammer 3, so heißen jetzt die Spielstätten nach dem Berliner Beispiel HAU 1,2,3. Angeboten wird eine Rundumversorgung mit einem Lesekreis für Thomas Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, Chris Dercon moderiert eine Gesprächsreihe mit Künstlern. Das klingt nach unfreundlicher Übernahme, aber Matthias Lilienthal behält sieben ältere Inszenierungen auf dem Spielplan. Stützen des Ensembles bleiben am Haus.

Die neuen Kammerspiele eröffnen mit Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, den Hausregisseur Nicolas Stemann in der Kammer 1, im großen Haus, respektvoll in seine Einzelteile zerlegt. Schreibtische, Laptops, Drehstühle, Flachbildschirme, Instrumente: Katrin Nottrodts Bühne erinnert an ein Labor, ein Büro für Kreative. So ähnlich sieht es bei Stemann immer aus: offene Theatersituation, wie auf der Probe. Nur dass dieses prozessuale Treiben diesmal kompakter daherkommt. Sechs Schauspieler, zwei Musiker und zwei Videokameraleute bemühen sich ernsthaft um das Stück, in der Übersetzung von Elisabeth Plessen.

Shakespeare bleibt ein zu entdeckender Kontinent, zumal seine Stücke kaum noch integral aufgeführt werden. Und tatsächlich, Stemanns Truppe studiert und liest Text: auf Screens, die von der Decke hängen. Das Publikum liest mit. Es ist ein Suchen und Tasten nach Formulierungen, Haltungen, Gesten – als ob die Schauspieler ein ums andere Mal überrascht davon würden, wie glänzend dieser Shakespeare das macht. Die Liebe liegt in einer Lotterie, das Kapital befindet sich auf hoher See oder in der Hand des Kreditherrn.

Fast jeder spielt mal (fast) jede Rolle

Ein Lebensgefühl, das man kennt. Alles fließt irgendwie ab, und am Ende ist es noch mal gut gegangen. Das ist die Komödie. Die Verwechslung. Fast jeder spielt mal (fast) jede Rolle. Zitat-Theater, Frontalsprechtheater, wie beim jungen Peter Handke. Julia Riedler schält sich dann aus der Gruppe bald als Portia heraus, die überirdisch schöne und kluge und reiche junge Shakespeare-Idealfrau. Julia Riedler ist neu im Ensemble, ebenso Jelena Kuljic, die Jazzsängerin, die Portias Dienerin spielt. Und wie es oft so ist, sie gibt die Lustige, platzt vor Energie und Charme und Bosheit, während die sehr junge und sehr hübsche Herrin gelangweilt herumzickt. Die Männer treten auf als Getriebene, im Grunde sind sie die Hysterischen. Thomas Schmauser und Niels Bormann, Bassanio und Antonio, Glücksritter und Pechvogel, knutschen wild, wenn es aufregend wird, irgendwie ist da auch was Homoerotisches. Und dann gibt es noch das Problem Shylock. Das Geld. Das fatale Pfand. Die drohende Katastrophe.

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