Münchner Kunstfund : "Die ganze Welt blickt nach Deutschland"

Der Druck auf die Behörden nimmt zu, das internationale Echo ist groß. Museen melden Ansprüche an, Experten fordern die Veröffentlichung der Werke aus dem Münchner Kunstfund, auch das Zentralregister für Raub- und Beutekunst in London.

Unter Verschluss. Hier Cornelius Gurlitts Haustür seiner Salzburger Wohnung. Die in seinem Münchner Domizil beschlagnahmten Werke wollen die die Bayrischen Behörden nicht veröffentlichen, aus Rücksicht auf die Rechte möglicher Eigentümer sagen sie. Aber die kritischen Stimmen mehren sich.
Unter Verschluss. Hier Cornelius Gurlitts Haustür seiner Salzburger Wohnung. Die in seinem Münchner Domizil beschlagnahmten Werke...Foto: dpa

Ähnlich wie der Berliner Rechtsanwalt und Kunstexperte Peter Raue (hier das Interview) fordert auch das Zentralregister für Raub- und Beutekunst mit Sitz in London eine schnelle Veröffentlichung der 1406 beschlagnahmten Werke aus der Wohnung des Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt und fordert die Regierung zum Eingreifen auf. Anne Webber von der Commission for Looted Art in Europe sagte: „Wir wollen so schnell wie möglich eine Liste der Werke in der Sammlung veröffentlicht sehen.“, sagte sie. Zudem müsse ein Verfahren eingerichtet werden, das es „rechtmäßigen Besitzern der Werke“ ermögliche, sie schnell zurückzubekommen. Seit Bekanntwerden des Fundes werde das Register mit Anfragen nach Informationen überflutet: „Die ganze Welt blickt auf Deutschland.“ Auch die Augsburger Staatsanwaltschaft, die das Verfahren Gurlitt wegen möglicher Steuerhinterziehung verantwortet, sieht sich mit zahlreichen Anfragen konfrontiert.
In der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wird ebenfalls über Konsequenzen nachgedacht. „Wir müssen Wege finden, wie die eigentlichen Eigentümer beziehungsweise ihre Erben ihre Kulturgüter zurückerhalten können“, sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Michael Kretschmer der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“. Vor allem die Rückgaberegelung aus privatem Besitz müsse unter die Lupe genommen werden. Kretschmer leitet zur Zeit gemeinsam mit Klaus Wowereit (SPD) die Arbeitsgruppe Kultur bei den Koalitionsverhandlungen.

Unterdessen melden sich erste mögliche Eigentümer jener Werke aus dem Gurlitt-Konvolut, die am Dienstag in Augsburg exemplarisch vorgestellt wurden. So prüft die Stadt Mannheim, ob sie Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Melancholisches Mädchen“ zurückfordern kann. Der Farbholzschnitt war von den Nazis 1937 als „entartete Kunst“ beschlagnahmt worden und galt als verschollen, so die Direktorin der Kunsthalle Mannheim. Auch das Essener Museum Folkwang hat eine „begründete Vermutung“, dass sich in dem Bilderschatz Werke aus seinem einstigen Bestand befinden könnten. Diese seien von den Nationalsozialisten konfisziert und an Hildebrand Gurlitt veräußert worden, den Vater des jetzigen Besitzers. Ebenso begehren die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Auskunft. Energische Worte fand der Direktor des Wuppertaler Von der Heydt-Museums, Gerhard Finckh. „Es wäre viel besser gewesen, wenn die Bilder ins Netz gestellt worden wären, damit wir als Beraubte prüfen können, ob sich Werke aus unserer Sammlung darunter befinden.“ Der Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg wiederum, Rainer Stamm, weiß dank hauseigener Dokumentationen, "dass mindestens 17 Werke aus unserem Bestand durch die Hände des Händlers Hildebrand Gurlitt gegangen sind. Es ist nicht auszuschließen, dass einige der Werke in der Münchner Wohnung gelandet sind." Die Berliner Museen haben sich bislang zurückgehalten.

Der Berliner Provenienzforscher Uwe Hartmann warnt allerdings vor voreiligen Hoffnungen: „Es muss davon ausgegangen werden, dass Herr Gurlitt rechtmäßig über diesen Besitz verfügt,“ sagte er. In vielen Fällen handele es sich nicht um NS-Raubkunst. Groß ist auch das internationale Echo auf den Sensationsfund: Die "New York Times" setzte ihn auf ihre Titelseite, in Polen wird gefragt, ob auch Beutekunst aus Polen zu den Fundstücken zähle. In der israelischen Zeitung "Haaretz" heißt es, der Fund sei nur „die Spitze des Eisbergs“. dpa/chp

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