Kultur : Münchner Olympiastadion: Tanz um den Hexenkessel

Mirko Weber

Franz Beckenbauer hatte sich den Terroristen seiner Träume ganz anders vorgestellt und schon gar nicht mit dessen Auftritt bei der jüngsten Anhörung zum Umbau des Münchner Olympiastadions gerechnet - weshalb im Rathaus der Landeshauptstadt zunächst gar kein Vertreter des FC Bayern erschienen war. Manfred Sabatke aber, ein freundlicher Mann vom Stuttgarter Architektenbüro Günter Behnisch, der detailliert über den geplanten Umbau des Stadions in eine das Oval zum Rechteck stauchende Fußballarena Auskunft geben sollte, ließ bei seinem Vortrag keinen Stein mehr auf dem anderen. Stellvertretend für den zuvor kompromissbereiten Architekten und seine längst kritische Zunft demontierte er vor einem entgeisterten Oberbürgermeister Ude jenen Entwurf zum Stadionumbau, der noch vor Wochen als "Konsensmodell" von den beteiligten Vereinen, der Stadt München und dem Land Bayern gepriesen worden war (vgl. Tsp vom 12. 11.). Womit die Endlosserie "Olympiastadion" anlässlich ihrer 378. Folge wieder da wäre, wo sie schon 1998 gewesen ist: am Nullpunkt.

Es steckt eine seltsame Ironie darin, dass die ganze Diskussion um ein Stadion, das zu Recht immer als weltoffen und transparent angesehen wurde (wie München sich insgesamt gerne sieht), in einer Atmosphäre seltsam verdruckster Provinzialität stattgefunden hat (wie sie in München halt auch existiert). Nun ist zur Abwechslung nach dem falschen Harmoniegesäusel mal wieder das kraftmeierische Wort gefragt, und keiner der Beteiligten lässt es daran fehlen: So hat der Vize-Präsident des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, wieder erkannt, dass es "keine Alternative" zu einem Stadionneubau gebe, und auch Kaiser Franz redet, assistiert von seiner Bewusst- und Erinnerungslosigkeit, von nichts anderem mehr. Vorsichtshalber hat der Oberbürgermeister beide daran erinnert, dass in diesem Fall nur die grüne Wiese vor der Stadt als Standort in Frage komme, was zuvor bereits etliche Male verworfen wurde.

Das befremdliche Gebaren aller Beteiligten findet mittlerweile vor dem Hintergrund der WM 2006 statt. Da München Berlin bereits das Endspiel lassen muss, will die Stadt gemäß stoiberlichem Auftrag wenigstens das Eröffnungsspiel und noch ein paar andere Matches haben, mitsamt den erwarteten Touristen und Journalisten. Wenn das Olympiastadion dann aber ein Museum geworden sein sollte - woran die Liebhaber der Museumstheorie weniger Freude haben werden, als sie heute inbrünstig vermuten - fehlt es schlicht an einem Ort zum Kicken. Vielleicht besinnen sich die Streithammel kurz vor zwölf, reißen das nahe gelegene Radstadion im Olympiapark ab und setzen die neue, reine Fußballarena in den Schatten der Zeltdächer. Vielleicht.

Darüber hinaus offenbart die Debatte nun noch einmal einige Defizite hinsichtlich dessen, was man landläufig Demokratieverständnis nennt. Denn geradezu grotesk muten immer wieder die erpresserischen Gesten an, mit denen die großkapitalistischen Münchner Bayern die Stadt foltern - ein Verein, der sich einen Dreck schert um den ästhetischen und symbolischen Wert des Olympiastadions. Erstaunlich sind dazu die Rochaden einer Architektenfirma, die sich dafür hat bezahlen lassen, über etwas nachzudenken, was ihres Erachtens im Nachhinein das Nachdenken gar nicht wert war. Wenig erfreulich zuletzt auch das griesgrämige Granteln seitens des Soziademokraten Ude, der sich an der "Münchner Neigung" stört, immer ein Veto einzulegen. Das bezog sich auch auf die Unterschriftenaktion, die schon 40 000 Umbaugegner zählt. Dabei hat die Stadt etwas Wichtigeres zu verlieren als Geld: ihren guten Ruf.

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