Kultur : Münzenschubaschuba

Was macht der gemeine Engländer in seiner Freizeit? Grundsätzlich nichts Ungewöhnliches: Essen, Trinken, Abhängen, Fernsehen, ein bisschen Kultur, etwas Sport. Das Ganze läuft allerdings meist weniger individualistisch, sondern lieber als Gemeinschaftsaktion und auf jeden Fall viel programmatischer ab.

Hans-Joachim Gras (34) ist Geschäftsführer einer Firma für Dokumentationssysteme in Kiel. Der Wirtschaftsinformatiker lebt zur Zeit mit seiner Frau in England, und sammelt dort täglich jede Menge neue kulturelle Eindrücke. Von seinen erschütternden, kuriosen und heiteren Einblicken in die britische Gesellschaft berichtet er alle 14 Tage bei Tagesspiegel Online.



Bristol (30.03.2005) - Mit Edelstahl-Thermoskanne und unserem praktischen kleinen Picknickkorb samt Plastikgeschirr hielt ich uns bisher immer schon für fortgeschrittene Picknicker (und wer das jetzt spießig findet, outet sich selbst lediglich als ignoranter Schnösel ohne Auskenne. So!). Als ich jedoch Zeuge wurde, wie englische Sippen an einem Sonntag das schöne Wetter mit einer Nahrungsaufnahme im Park (oder am Straßenrand!) zelebrieren, wurde mir klar, dass wir bloß jämmerliche Mitläufer sind und es nie zu dieser Raffinesse bringen werden. Das Wichtigste in Stichworten: Sonnenschirme, Faltstühle mit Getränkehalter, Saft, Wein, Sekt, jeweils passende Gläser, Obst, etwa 50 Sandwiches, Salate sowie diverse Nachtische und Heißgetränke.

Kleinere Versionen dieser Freizeit-Center mit Daddelautomaten und Ballerspielen findet man auch in Einkaufspassagen oder Autobahnraststätten. Und das ist wieder ein typisches Beispiel für die in England so oft anzutreffende Rücksichtnahme auf menschliche Bedürfnisse bei der Gestaltung des öffentlichen Raums. Wer hätte nach geschlagenen zwei Stunden ohne Pause im Wagen schließlich nicht den dringenden Wunsch, kurz um den Jackpot zu spielen oder mit der Pumpgun ein paar Untote umzunieten? (Von Hans-Joachim Gras)

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