Kultur : Müssen Männer mit Bärten sein

Als Popmusik Kunst wurde: Heute vor 40 Jahren erschien das „Sgt. Pepper’s“-Album der Beatles

Tom Fuchs

Das Titelbild der „Bravo“-Ausgabe vom 12. Juni 1967 wirkte wie ein Schock: Vier vermummte bärtige Männer starrten in die Kamera, erst beim näheren Hinsehen waren sie eindeutig zu erkennen. Kein Grinsen mehr, mit dem die Beatles die Jahre zuvor verlässlich gute Laune zur Schau stellt hatten. Ein radikaler Imagewechsel zeichnete sich ab, auf den die Fans der „Fab Four“ überhaupt nicht vorbereitet waren. Noch im Februar hätte man allenfalls ahnen können, dass sich etwas verändert hatte in der vermeintlich heilen Welt des Beat-Quartetts, das noch einen Wimpernschlag zuvor mit beschwingten Sing-Along-Krachern wie „Yellow Submarine“ aufgewartet hatte. Die Single „Strawberry Fields Forever“ verstörte mit melancholisch-nebliger Grundstimmung, versteckt hinter einem halluzinogenen Schleier assoziativer und skurriler Töne im Zeitlupentempo. Es soll Hörer gegeben haben, die zunächst einen Defekt am Plattenspieler vermuteten und ratlos am Geschwindigkeitsregler drehten.

Der rätselhafte Song über ein Waisenhaus in Liverpool war aber nur Auftakt einer Revolution in der bis dahin weitgehend als harmlos abgehandelten Popmusik. Mit der am 1. Juni 1967 – heute vor vierzig Jahren – erschienenen LP „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” läuteten die Beatles einen Wandel ein, der sich auf früheren Platten wie „Rubber Soul“ oder „Revolver“ nur zaghaft angedeutet hatte: Die amerikanischen Rock’n’- Roll-Helden der fünfziger Jahre, denen die Beatles bis dahin nacheiferten, traten in den Hintergrund, stattdessen bot die Gruppe eine kaleidoskopartige Mixtur lokaler Einflüsse aus der englischen Music Hall-Szene, Kammermusik, östlicher Esoterik und elektronischer Soundschnipsel.

Auch wenn zur selben Zeit an der amerikanische Westküste eine ähnlich brisante Suppe aus verschiedensten kulturellen Zutaten köchelte, gab es keine ebenbürtige US-Band – etwa die Byrds oder die Beach Boys –, die sich so vorbehaltlos solch unterschiedlichen Einflüssen geöffnet hätte. Den Chef der Beach Boys, Brian Wilson, überkam regelrechte Panik, als er bei einem Studiobesuch von Paul McCartney aus erster Hand von den Plänen zu „Sgt. Pepper’s“ erfuhr.

Wilson hatte da sein Meisterwerk „Pet Sounds“ schon veröffentlicht, und Frank Zappa versuchte die Engländer mit „Freak Out!“ zu übertrumpfen. War den Beatles bewusst, als sie Ende November 1966 mit den Aufnahmen begannen, dass sie etwas gänzlich Neues schaffen und auch mit der Covergestaltung eine Legion von Musikern beeinflussen sollten? Sie wollten nur nicht mehr zurück zu den zermürbenden Welttourneen, die mit dem Auftritt am 29. August 1966 im Candlestick Park von San Francisco ein eher mattes Ende gefunden hatten. So verwandelte sich die größte Popband aller Zeiten in ein Studio- Gespann, dass sich in einer kurzen kreativen Phase noch einmal selbst übertraf.

Siebenhundert Stunden verbrachten die Beatles in den Abbey Road-Studios, viele davon unter dem Einfluss von Drogen, deren Einnahme sie ihrem omnipräsenten Produzenten George Martin wie verschämte Schuljungen verheimlichten. „Mir ist schlecht“, bemerkte John Lennon einmal unter LSD-Einfluss – wenig später konnte man gerade noch verhindern, dass er vom Studiodach stolperte.

Es war Paul McCartneys Idee, dass eine Platte mehr sein kann als einfach nur ein Dutzend zufällig zusammengestellter Songs. Vom ursprünglichen Konzept, als Alter-Ego-Band – eben jene Sgt. Pepper’s Band der einsamen Herzen – in Erscheinung zu treten, um „etwas Abstand zwischen uns und die Öffentlichkeit zu bringen“ (Lennon), blieb außer dem Titelstück und „With a Little Help From My Friends“ (bei dem Ringo Starr als Sänger Billy Shears fungierte) nicht viel übrig. Dennoch bilden die 13 Songs auf kaum erklärbare Weise ein großes Ganzes.

George Martin machte seine Schützlinge bereits in den Jahren zuvor mit allerlei elektronischer Avantgarde-Musik bekannt, die er für die Plattenfirma EMI produziert hatte. Jetzt, nach den frustrierenden Erlebnissen der letzten Tournee wollten die Beatles unbedingt, dass Martin die ganze Trickkiste vor ihren Augen öffnete. „John Lennon sagte vor den Aufnahmen zu dem burlesken ,The Benefit of Mr. Kite’ nur beiläufig ‚Das ist eine Jahrmarktsszene, ich will in diesem Zirkus sein, ich will das Sägemehl riechen.’ Also war es mein Job dafür zu sorgen“, erzählte Martin später. Und für „Good Morning, Good Morning” einem sarkastischen Abgesang auf das öde britische Upper Class-Landleben, ordnete Martin auf Geheiß Lennons die in der Ausblende zu hörenden Tierstimmen so an, dass jedes Tier jeweils seinen Vorgänger hätte fressen können.

Die vielen kleinen versteckten, erst beim mehrmaligen Hören zu entdeckenden Anspielungen und soundtechnischen Finessen machen immer noch den Reiz dieser Songs aus und haben Legionen von Beatles-Exegeten Beschäftigung verschafft. So hielt sich über die Jahre standhaft das Gerücht, das grandiose Schlussstück „A Day in the Life“, übrigens die letzte wirkliche Teamarbeit von Lennon/McCartney, enthielte einige Obszönitäten, wenn man bestimmte Passagen rückwärts spielte. Dazu Ringo Starr in umwerfender Lakonie: „All die Leute, die Platten rückwärts laufen lassen und dabei etwas Unanständiges hören, sollten sie lieber richtig herum abspielen, wahrscheinlich würde sogar etwas Nettes dabei herauskommen.“

Derek Taylor, damals Pressechef der Beatles, gibt die erste Reaktion auf das Album wieder, das bis heute 24 Millionen mal verkauft wurde: „Kaum war ‚Sgt. Pepper’s’ fertig, fuhr die Band zu ‚Mama’ Cass Elliotts Wohnung in der Nähe der Kings Road. Um sechs Uhr morgens rissen sie dort die Fenster auf, stellten Lautsprecher auf die Fensterbank und spielten das Album in voller Lautstärke über die Dächer von Chelsea. Alle Fenster öffneten sich um uns herum, Leute lehnten sich hinaus, wunderten sich. Aber ihnen war klar, wer da zu hören war. Keiner beschwerte sich. Die Leute lächelten und gratulierten uns. Ein herrlicher Frühlingsmorgen.“

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