Kultur : Mütter: Kinder, Küche, Karriereknick

Dorothee Nolte

ürzlich habe ich mal meine Freundinnen durchgerechnet und festgestellt: Mehr als die Hälfte ist kinderlos. Bei der einen oder anderen wird vielleicht ein Sprössling nachkommen, wenn doch noch ein williger Partner auftauchen oder die künstliche Befruchtung anschlagen sollte, aber im Großen und Ganzen wird das so bleiben. Meine Freundinnen sind überwiegend Akademikerinnen.

Akademikerinnen haben hierzulande die niedrigste Geburtenrate, und das nicht ohne Grund. Laut Statistik bekommen vierzig Prozent von ihnen kein Kind, Durchschnitt ist ein Drittel, bei den Hauptschulabsolventinnen bleiben nur 21 Prozent kinderlos. Das müsste einen nicht weiter bekümmern; Akademikerkinder sind nicht mehr oder weniger wert als andere auch. Vielleicht sind die Akademikerinnen, Nachfahrinnen der Blaustrümpfe, einfach so verkopft und vermehrungsunwillig, wie es konservative Professoren vor hundert Jahren, vor dem Frauenstudium warnend, vorhersagten? Ich glaube nicht. Eher sind sie Trendsetterinnen.

An ihnen, den gut ausgebildeten Frauen aus der Baby-Boom-Generation, zeigt sich besonders deutlich, was auch für andere berufsorientierte Frauen in Deutschland gilt. Damit sind nicht die "Karrierefrauen" gemeint - ein Begriff aus der Mottenkiste -, die angeblich Tag und Nacht an nichts anderes als ihre nächste Gehaltserhöhung denken, sondern Frauen, die den ganz normalen und volkswirtschaftlich vernünftigen Wunsch haben, den Beruf, für den sie sich jahrelang qualifiziert haben, auch auszuüben, und zwar auf einem Niveau, der ihnen entspricht. Diese Frauen bekommen selten Kinder, und wenn ja, dann höchstens eins. Ist das nun gut oder schlecht?

Die schrecklichen Mütterbilder

Ich behaupte: beides. Die niedrige Geurtenrate - zur Erinnerung: in Deutschland liegt sie bei 1,34 pro Frau, in Frankreich und Dänemark immerhin bei über 1,7 - ist von Übel. Lassen wir mal die Probleme der Renten- oder Pflegeversicherung beiseite; es soll hier nicht um eine Aufrechnerei zwischen Eltern und Kinderlosen gehen, auch nicht um das Aussterben des deutschen Volkes oder um hehre Familienwerte. Es geht mir ganz schlicht um die Frauen. Meine Freundinnen sind nämlich keineswegs alle Kinderhasserinnen. Viele von ihnen hätten durchaus gern ein Kind oder zwei. Aber die berufsorientierte Frau hat es beim Kinderkriegen schwer. Drum zögert sie. Hat Angst. Und lässt es.

Offenkundig liegt das an den akademischen Berufen selbst, so wie sie in Deutschland gelehrt und ausgeübt werden. Wer Architektin, Lehrerin, Ärztin, Ingenieurin, Anwältin, Journalistin, Computerspezialistin oder Wissenschaftlerin werden möchte, muss in der Regel ein langes Studium hinter sich bringen, gefolgt von Referendariat, Volontariat, Facharztausbildung, Promotion oder ähnlichem. Bis der Berufseinstieg geschafft ist, vergehen weitere Jahre, Beginnt dann die biologische Uhr zu ticken, ist womöglich gerade kein Partner da. Oder er will nicht, oder er kann nicht, oder er lebt fünfhundert Kilometer entfernt, oder er wird von seinem Job derart aufgefressen, dass keinerlei Mithilfe zu erwarten ist, oder die eigene Fruchtbarkeit ist nur noch mit künstlichen Foltermethoden aus dem Dornröschenschlaf zu wecken.

Zudem suggeriert einem die Berufswelt ohne Unterlass, dass man am besten rund um die Uhr arbeiten sollte - und dass eine Frau, die weiter dazu gehören möchte, es peinlichst vermeiden sollte, einen Kinderwunsch zu haben. Schon jetzt ist man oft gestresst. Wie soll da noch ein Kind reinpassen? Kinderkriegen ist heutzutage eine logistische Leistung ersten Ranges.

Hinzu kommt das Psychologische. Im öffentlichen Raum gibt es ja nur zwei Bilder der Mutter: die Rama-Mutter aus der Werbung, glücklich und zufrieden mit ihren Kinderchen; in so einer Idylle wird sich die berufsorientierte Frau kaum wiederfinden. Aber auch das Bild der berufstätigen Mutter ist alles andere als attraktiv. Gerade jene, die zu Recht die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Deutschland anprangern, porträtieren berufstätige Mütter immer als genervt, überfordert, dreifachbelastet, arme Würmchen. Häufig ist das ja auch der Fall. Aber die Wirkung dieses Mutter-Bildes auf zweifelnde junge Frauen ist eindeutig: So will ich nicht werden.

Schluss mit der Moral

Wer eine lange Ausbildung durchlaufen hat oder schon eine Weile im Beruf steht, hat ja, egal ob Mann oder Frau, in der Regel ein ganz anderes Ideal: das des selbstbestimmten, unabhängigen, flexiblen Individuums. Nur ungern mag man sich vorstellen, wie man, unter der Last eines Kinderwagens ächzend, zwei schreiende Blagen die Treppe hinunterhievt und dann verschwitzt und zu spät zur Arbeit kommt. Noch mehr Schrecken löst die Vorstellung aus, man müsste die Arbeit ganz aufgeben, weil es weder passende Betreuungsplätze noch familienfreundliche Arbeitszeiten gibt. Sogar eine "Ganztagsbetreuung" hört oft genug um 16 Uhr auf, die Grundschule an manchen Tagen um elf. Aber welcher Job? Mütter müssen Opfer bringen, flüstert die Gesellschaft den Frauen zu. Zu dumm: Die Zeiten, da sich die Menschen gerne aufopferten, sind vorbei, daran werden auch alle moralischen Appelle gegen die "Ego-Gesellschaft" nichts ändern.

Die Soziologinnen Elisabeth Beck-Gernsheim und Herrad Schenk und zuletzt die Romanistin Barbara Vinken haben eindringlich beschrieben, wie sich die Vorstellungen von Mutterschaft in den letzten Jahrhunderten gewandelt haben: Das eher beiläufige Kinderkriegen früherer Generationen, deren Sprösslinge ganz selbstverständlich von Verwandten, Geschwistern, Nachbarn, Dienstmädchen mitbetreut wurden, hat einer Professionalisierung der Mutterrolle Platz gemacht, bei der die Mutter für die gesamte körperliche und seelische Entwicklung des Kindes verantwortlich gemacht wird. Eine Mutter weiß angeblich von Natur aus "am besten, was gut für ihr Kind ist", wer ein Kind unter drei Jahren von anderen mitbetreuen lässt - was in anderen europäischen Ländern normal ist - gilt hier oft als Rabenmutter. Die Konsequenz: Nur die Hälfte aller Mütter kehrt in ihren Job zurück, davon arbeitet die Hälfte Teilzeit.

Zwar ist die Annahme eher kühn, dass es einem Kind dann am besten gehe, wenn es den ganzen Tag allein mit einer Frau ist, die nie zuvor etwas mit Kindern zu tun gehabt hat, nur mit Akten, Faxen, Computern oder Operationsbesteck - während ihm das Spielen mit Gleichaltrigen bei einer erfahrenen Tagesmutter schaden soll. Aber da möge jeder empfinden, wie er oder sie will. Nur eins ist sicher: Wer die Ansprüche an die Mutterschaft so hoch schraubt, schreckt die Kandidatinnen ab. Ein halbes Jahr, ein Jahr Aussetzen, schön, das kann man als schöpferische Pause definieren, nach der sich Umfragen zufolge über 70 Prozent aller Berufstätigen sehnen. Aber drei Jahre pro Kind? Danach nur noch Gelegenheitsjobs oder Teilzeit - will sagen: weniger Verantwortung und Aufstiegschancen? Finanzielle Abhängigkeit vom Mann? Pardon: Dafür sind wir einfach nicht - mehr - sozialisiert. In diesem Punkt haben die konservativen Professoren von anno dunnemals Recht gehabt.

In der öffentlichen Debatte wird gerne so getan, als entschieden sich Paare aus reinem Hedonismus gegen Kinder, nur um weiterhin jeden Abend beim teuren Italiener zu schlemmen. Das dürfte aber eher die Ausnahme sein. Irgendwann im Leben macht sich jeder einmal ernsthaft Gedanken über Kinder, und was man am meisten fürchtet, ist kaum der Verzicht auf Antipasti und Brillanten. Die Angst vor dem Kind geht viel tiefer: Es wird zum Ungewissen schlechthin, zur Bedrohung der Identität, zum Lebensrisiko. Es stellt alles in Frage, wofür man jahrelang gearbeitet hat.

Für die Generation unserer Mütter war es selbstverständlich, Kinder zu bekommen und dafür beruflich zurückzustecken; für viele Feministinnen der 68er-Generation war Kinderkriegen wie eine Kapitulation vor dem Patriarchat. Heute ist ein Kind für berufsorientierte Frauen eine Art Luxus, den man sich nur leisten kann, wenn privat und beruflich alles eingetütet ist, beinahe ein Privileg, eine Trophäe, die man einer feindlichen Welt abgetrotzt hat. Viele verpassen den Zeitpunkt. Das ist schade, oft auch für die Partner traurig, in manchen Fällen tragisch. Nicht wegen der Rentenversicherung: sondern weil ein Stück Lebensglück versäumt wurde. Weil das Leben mit Kindern so viel reicher, bunter, spaßiger und körperlicher ist als ohne. Irgendwann reden die meisten Frauen nicht mehr darüber; aber die Wehmut bleibt.

Und trotzdem hat die niedrige Geburtenrate auch ihr Gutes. Der Schreck darüber hat nämlich eine überfällige Debatte ausgelöst: über den Zustand der öffentlichen Kinderbetreuung in Deutschland. Die Zahlen dazu sind in den letzten Monaten oft geschrieben worden: Nur für drei Prozent der Kinder bis zu drei Jahren gibt es in Westdeutschland öffentlich finanzierte Betreuungsplätze, nur fünf Prozent der Schüler besuchen eine Ganztagsschule. In Frankreich dagegen ist Ganztagsbetreuung von der Vorschule bis zum Abitur garantiert, und Krippen für die Kleineren sind normal. In Dänemark besucht die Hälfte aller Kinder - in Kopenhagen sogar 80 Prozent - unter drei Jahren eine Krippe. Die Frauenerwerbsquote liegt in diesen Ländern deutlich höher als in Deutschland - am höchsten übrigens in Norwegen, wo auch die Geburtenrate europaweit am höchsten ist. Dass das mangelhafte deutsche Betreuungssystem Müttern eine normale Berufstätigkeit unnötig erschwert, beklagen engagierte Frauen seit Jahrzehnten. Aber erst jetzt, da die Renten in Gefahr sind, da Karlsruhe über die Pflegeversicherung entschieden hat, da Ganztagseinrichtungen auch als Lösung sozialer Probleme gesehen werden, da ein Fachkräftemangel droht, da es also nicht mehr nur um ein "Frauenproblem" geht, gilt das Thema als wichtig. Paradoxerweise hat die alte feministische Forderung jetzt eine Chance, zum gesellschaftlichen Konsens aufzusteigen, da sie nicht mehr als feministisch wahrgenommen wird. Und noch ein Paradox: Vielleicht erstmals in der deutschen Geschichte kann man die Frauen, um die Geburtenzahlen zu erhöhen, nicht mehr an den Herd zurückschicken; selbst CSU-Politikerinnen wollen die Berufstätigkeit der Frauen - und das heißt: die Fremdbetreuung - fördern, um sie zum Kinderkriegen zu bewegen.

Das Thema öffentliche Kinderbetreuung betrifft aber nicht nur Mütter und Väter; es ist der Dreh- und Angelpunkt für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am gesellschaftlichen Leben. Längst haben die Frauen die Männer in den Bildungsabschlüssen eingeholt, längst sind einige von ihnen auch in Führungspositionen aufgerückt. Aber so lange sich junge Frauen jahrelang das Hirn darüber zermartern, wie sie einen Beruf und Kinder haben können - was für Männer kaum ein Problem ist -, so lange kann man nicht ernsthaft von Gleichstellung reden.

Also auf zum Kampf unter wehenden feministischen Fahnen? Nicht nötig. Weder sind "die Männer" schuld an der Misere, denn es gibt sie genauso wenig wie "die Frauen", noch führt es weiter, über den eigenen Partner zu schimpfen, den man sich ja selbst ausgesucht hat. Sicher sollten sich Väter, auch im eigenen Interesse, stärker an der Kindererziehung beteiligen, viele tun es ja schon; sie in Hausmänner zu verwandeln oder zu mehrjährigen Berufspausen aufzufordern, ist inkonsequent, wenn man dieses Modell für Frauen ablehnt. Im Übrigen ähneln sich ja Frauen und Männer, die dieselben Berufe ausüben, in ihren Einstellungen: Fast alle wollen berufstätig sein, die meisten wollen ein Kind, sofern das keine extreme Einschränkung der persönlichen Freiheit beinhaltet. Das ist keine vermessene Forderung. Das ist normal.

Es handelt sich also um eine schlichte, überschaubare, pragmatische politische Aufgabe im Interesse beider Geschlechter und der Kinder: Wir brauchen - viel dringender als etwas mehr Kindergeld - flächendeckende, flexible, bedarfsgerechte und gute Betreuungseinrichtungen für Klein- und Schulkinder. Damit Kinder nicht mehr der große Bruch in einer weiblichen Berufsbiographie sind. Damit schwangere Berufstätige nicht mehr die rituelle Frage ihrer Kolleginnen beantworten müssen: "Und wie machst Du das dann mit dem Kind?", gestellt mit Sorgenfalten auf der Stirn, als gelte es, eine komplizierte Mathe-Aufgabe zu lösen.

Lieber weniger arbeiten

Und wir brauchen mehr Souveränität im Umgang mit unserer Arbeit selbst. Das Ziel ist sicher nicht, dass nun beide Eltern hemmungslose "workaholics" werden, weil die Kinder von 7 Uhr morgens bis 20 Uhr abends in der Kita oder Schule sein können. Ich treffe täglich Männer und auch Frauen, Kinderlose wie Eltern, die mir erzählen, sie würden gerne weniger arbeiten, jedenfalls nicht ständig bis in den Abend hinein; aber kaum einer von ihnen bemüht sich tatsächlich um eine Arbeitszeitreduzierung. Klar, ein Alleinernährer kann sich das nicht leisten; aber wo zwei Verdiener sind, gibt es Spielraum. Sind wirklich alle Arbeitgeber so stur, alle Kollegen so unflexibel, alle Berufstätigen so unentbehrlich?

Das Dümmste wäre es, jetzt einen Verteilungskampf zwischen Kinderlosen und Eltern zu inszenieren. Im Gegenteil: Die Kluft zwischen beiden in der Alltagswelt müsste kleiner werden. Warum nicht die Kinderlosen, wenn sie es denn wollen, am Leben mit Kindern teilhaben lassen, so wie es in traditionellen Gesellschaften ganz natürlich der Fall ist? Warum gibt es keine Kultur der (nicht-leiblichen) Onkels und Tanten? Warum begegnen Eltern Kinderlosen oft mit dem unausgesprochenen Misstrauen, sie machten eh alles falsch? Warum fühlen sich Kinderlose Kindern gegenüber oft unsicher, weil scheinbar naturhaft defizitär? Kinder gehören nicht ihren Eltern allein, und Eltern und Kinderlose sind sich ähnlicher, als man denkt. Berufstätige Mütter mit späten Kindern wissen das vielleicht am besten. Schließlich sind wir selbst lange genug kinderlos gewesen.

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