Kultur : Mütter und Töchter

Sehr privat, sehr politisch: Margarethe von Trotta, Manoel de Oliveira und Lars von Trier beim Filmfest Venedig

Jan Schulz-Ojala

Als die privaten Geschichten in den historischen Augenblick münden, der dem Film seine Mitte gibt, in jenes erst zaghaft ausgestoßene „Ich will meinen Mann zurück“, dann in das versetzt ertönende Stakkato „Wir wollen unsere Männer wiederhaben“ – da klingelt ein Handy im Saal. „Pronto“, ist eine Männerstimme deutlich zu vernehmen, und der Mann fängt tatsächlich zu plaudern an. Niedergezischt und – geschimpft wird er, und für ein paar Sekunden übertönt der Krach im Zuschauerraum den Aufruhr auf der Leinwand, den leise erwachenden Widerstand der Frauen in der Berliner Rosenstraße im März 1943.

Mit Spannung erwartet, mit Spannung verfolgt, am Ende ein kraftvoller, kurzer Applaus: Rund tausend Journalisten haben auf Margarethe von Trottas „Rosenstraße“ am Sonnabend bei den Filmfestspielen Venedig überwiegend beeindruckt reagiert. Kein Triumph wie bei der „Bleiernen Zeit“, der von Trotta vor 22 Jahren den Goldenen Löwen brachte, kein Debakel wie 1995 bei der Berlinale, als ihr Mauerfallfilm „Das Versprechen“ durchfiel.

Acht Jahre hat sie seitdem keinen Kinofilm realisieren können – und ist beim Fernsehen untergetaucht: sie, die einst so große Regisseurin des Neuen Deutschen Films. Eine „Betroffenheitsglucke“ hat man sie damals genannt, die nur „steilen Kitsch“ absondere – und beim strengen Blick auf ein paar Details von „Rosenstraße“ könnte man das sogleich von neuem tun. Aber dieser Film ist mehr. Und wenn uns nicht alles täuscht, wird er seinen Weg machen auf der nach oben offenen Löwen-Skala.

Übergröße, unterspielt

„Rosenstraße“ begegnet seinem historischen Gegenstand mit Sorgfalt und hält das ihm innewohnende Pathos tapfer im Zaum. Und vor allem: Der Film holt, durchaus publikumstauglich, eine schmerzhaft versäumte deutsche Wahrheit nach. Gemeinsamer Alltagswiderstand war nicht nur möglich in Nazideutschland, er hatte sogar Erfolg, wie der verzweifelte Protest der Frauen aus der Rosenstraße zeigt. Zu Hunderten hatten sie sich vor dem Jüdischen Wohlfahrtsamt in Mitte versammelt, wohin ihre „arisch versippten“ jüdischen Ehemänner, Mütter, Väter verschleppt worden waren am 27. Februar 1943. Eine Woche lang, Tag und Nacht, harrten sie aus, irgendwann auch „Mörder!“ schreiend – und verhinderten die Deportation ihrer Familienmitglieder nach Auschwitz. Goebbels selbst, der sich laut Tagebuch an den „unliebsamen Szenen“ störte, gab den Befehl, wenigstens diese „Judenevakuierung“ abzublasen: „Wir wollen uns das lieber noch einige Wochen aufsparen. Dann können wir es umso gründlicher durchführen.“

Eine Fußnote der Geschichte, sicher, diese Rettung von vielleicht 1000 Menschen aus millionenfachem Mord, und doch eine, die die Lektüre der Geschichte verändert. Als ferne Geschichte auch holt  Margarethe von Trotta das Geschehen heran, aus einer jüdischen New Yorker Familie von heute:  Ruth (Jutta Lampe) konfrontiert sich nach dem Tod ihres Mannes mit ihrer verdrängten Vergangenheit und bleibt doch stumm. Ihre Tochter Hannah (Maria Schrader) spürt darauf jene nichtjüdische Lena Fischer (Doris Schade) in Berlin auf, die damals zur Rosenstraßen-Zeit das kleine Mädchen Ruth bei sich aufgenommen hatte. Bedächtig wechselt der Film vom Heute der beiden Frauen ins Damals von Lena (Katja Riemann) und Ruth (Svea Lohde), flicht Rahmenhandlung in Rückblende und zurück – und irgendwann sind alle ihre überlebenden Heldinnen so glücklich wie nur möglich zu sich selbst gebracht. Eine Vergangenheitsbewältigung im Wortsinn: Nur wer sich stellt, kann auch überwinden.

Das alles ist nicht neu, auch formal alles andere als neuartig. Und doch: Der Film nimmt den Zuschauer ein. Lässt ihn sogar über manch arge Kintopp-Idee hinwegsehen (die abenteuerlichste: Lena erreicht die Befreiung der Rosenstraßen-Inhaftierten offenbar durch eine Nacht mit Goebbels), über manch überdeutlich verbalisierte Symbolik auch (ein Ring etwa hat „jetzt wieder die Kraft, Wünsche zu erfüllen“). Es sind die Schauspieler, die mit schönem Ernst die ihnen unweigerlich zugewiesene Übergröße fein unterspielen – allen voran Katja Riemann und Jürgen Vogel als Lenas Bruder, ja, diese beiden so zernutzten Kino-Gesichter. Sie unterspielen auf eine Weise, dass alles plötzlich wieder im Lot ist. Als etwas, das war. Oder zumindest als etwas, das genau so gewesen sein könnte.

Vorsichtig sucht „Rosenstraße“ einen eigenen Weg im Genre filmischer Epen über die Nazizeit. Bewusst fernab von Steven Spielbergs „Schindlers Liste“, der mit imponierender Schamlosigkeit die kinematografische Ausbeutung des Themas zu Ende dachte; möglichst fern allerdings auch von Süßzeug wie „Gloomy Sunday“ und geschichtsklitternder Vilsmaierei. Methodisch und stilistisch erinnert „Rosenstraße“ noch am ehesten an „Der Pianist“ von Polanski: Nur fehlt von Trottas Film jener unmittelbar erlebte Schmerz, der den „Pianisten“ noch dort grundiert, wo er ganz ans große Außen weggegeben scheint. „Rosenstraße“ muss diesen Schmerz – spielen.

Manoel de Oliveiras „Un filme falado“ (Ein gesprochener Film) fängt ganz schmerzlos an und trifft einen am Ende wie ein realer Schlag. Er ist so privat, wie ein Film des inzwischen 95-jährigen Portugiesen nur sein kann, und wird dann politisch und aktuell und eindeutig, wie man das von Oliveira gar nicht kennt. In einem Schreckensaugenblick sehen wir, was die ganze Welt zusammenhält – durch das, was sie auseinander fliegen lässt. Seien wir ehrlich: Nichts haben wir von dem alljährlich neuen Oliveira erwartet, den nicht mal das Festival von Cannes haben wollte. Und alles bekommen.

Zukunft, zerbombt

Rosa Maria (Leonor Silveira), Geschichtsprofessorin in Lissabon, geht mit ihrer achtjährigen Tochter auf Kreuzfahrt von Lissabon nach Bombay. Bei Landgängen erklärt sie ihr die Altertümer: Pompeji, die Akropolis, die Hagia Sofia, die Pyramiden von Gizeh. Nichts konzeptuell minimalistischer, nichts auch langweiliger als das, möchte man meinen. Aber irgendwann geht man, eingeladen von den sanften Mutter-Tochter-Dialogen und den Schönheiten der Orte, mit auf diese Bildungsreise, die von Zivilisationen, vom Menschsein, von uns selbst erzählt. Ein wie in Zeitlupe aufgelöster Bewusstseinsschock: Die Postkartenansichten beginnen zu leben.

In Bombay soll Rosa Marias Mann hinzustoßen, ein Pilot, und anschließend will die Familie gemeinsam Urlaub machen. Aber dazu kommt es nicht. Denn Terroristen – pardon, man muss diesen Schluss verraten – jagen das Schiff in die Luft. Der Kapitän (sehr zart: John Malkovich) und die Passagiere können sich retten – darunter in federleichten Nebenrollen Catherine Deneuve, Stefania Sandrelli und Irene Papas, die ein wundersanftes griechisches Lied im Speisesaal singt. Nur Rosa Maria und ihre Tochter kommen zu spät. Und plötzlich ist es, als sei mit der so sanft von Generation zu Generation weitergegebenen Bildung alles zerbombt, Pompeji und die Zukunft, die Akropolis, das Menschsein, unser in den schmerzhaftesten, glücklichsten Momenten klares Bewusstsein unserer selbst. Man muss das sehen. „Un filme falado“ erzählt völlig unpathetisch vom Ende der Welt als etwas, das heute stattfindet. In jedem Attentat, jeden Tag.

Man kann, so ist das am Lido, am selben Tag zufällig doch noch in Bombay ankommen. Und dabei zugucken, wie der dänische Altmeister Jørgen Leth in „The Five Obstructions“ mit Lars von Trier in einer Elendsgasse von Bombay an gedecktem Tisch Chablis trinkt. Ein Filmset, Film im Film, ein zynisches Experimentierspiel, fünf Variationen auf einen Lethschen Schwarzweiß-Kurzfilm von 1967. Alles sehr böse, sehr klug, sehr eigensinnig. Und doch nichts gegen Manoel de Oliveiras Bombay, das Ziel der weitesten Reise, zu der dieses bewegte Festival bisher eingeladen hat.  

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