Mütter & Vamps : Früchtchen des Zorns

Woher bezieht der einfühlsame prototypische Theaterkünstler von heute eigentlich sein Weiblichkeitsbild? Müsli-Mütter in der Nuttenrepublik: Über das altbackene Frauenbild auf Berlins Theaterbühnen.

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Biologismus und Backlash. Maren Eggert als Krankenschwester Liz in Roland Schimmelpfennigs „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ am Deutschen Theater Berlin.
Biologismus und Backlash. Maren Eggert als Krankenschwester Liz in Roland Schimmelpfennigs „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“...Foto: Marcus Lieberenz / bildbuehne.de

Als Bundesfamilienministerin Kristina Schröder kürzlich ihre Ansichten zum Feminismus verriet, waren wir Theaterkritikerinnen total aus dem Häuschen. Sie habe sich, so Schröder, „schon immer gern feminin“ gekleidet und lehne den Feminismus auch deshalb ab, weil heterosexuelle Partnerschaften durchaus „Glück spenden“ könnten. Aus Opposition gegen das Patriarchat lesbisch zu werden, fände sie „nicht wirklich überzeugend“.

Bis dato waren wir Theatergängerinnen nicht unbedingt davon ausgegangen, einer genderpolitisch führenden Branche beizuwohnen. Unsereins hat ständig mit willfährigen Patriarchatsopfern zu tun: mit vaterhörigen Standesdünkel-Märtyrerinnen wie Emilia Galotti, frommen Handarbeiterinnen wie Fausts Gretchen oder devoten Grafen-Stalkerinnen wie dem Käthchen von Heilbronn.

Aber seit den ministerialen „Stammtischparolen aus den siebziger Jahren“ (um mit Alice Schwarzer zu sprechen, die es ja wissen muss) ist klar: Im Grunde stimmt noch das altbackenste Provinz-Gretchen mit seinem Spinnrad-Liedchen eine kleine feministische Revolution an! Und nicht nur das: Auch von so fundamentalen Ärgernissen wie „spärlich gekleideten Frauen in den Medien“, mit denen sich die neuen „Alphamädchen“ in ihrer gleichnamigen Kampfschrift von 2008 herumschlagen, bleiben wir verschont. Gerade von der Enthüllungsfront lässt sich aus unserer Sicht Erfreuliches vermelden: Gegenwärtigen Theatergängern sind die Penisse der männlichen Ensemblemitglieder weit vertrauter als die Brüste der weiblichen.

Für eine besonders anspruchsvolle Klientel gibt es im Theaterbusiness Gender-Avantgardisten wie René Pollesch oder Nicolas Stemann, die sich um biologistische Determinismen nicht weiter scheren, weil sie ihren Theoriekonsum auch nach den 70ern fortgesetzt haben und Hauptrollen gern mit Ausnahmeerscheinungen à la Margit Bendokat besetzen. Eine wie Bendokat sprengt neben „männlich“ und „weiblich“ gleich noch ein paar andere kleinliche Hilfskategorien. Und Regisseure wie Michael Thalheimer oder Dimiter Gotscheff landen lässig einen Emanzipationserfolg nach dem anderen, indem sie mausgraue Hausfrauen-Parts einer strahlenden Nina Hoss anvertrauen oder finnische Teilzeitnutten-Rollen einem vergleichsweise aristokratischen Herrn Samuel Finzi.

Klar: Für solche unaufgeregten Subversionen ist das Theater als Medium der Täuschung, Verwandlung, Maskerade und Travestie prädestiniert. Was allerdings noch lange nicht heißt, dass jeder Bühnenkünstler das auch in ähnlich zukunftsträchtiges Kapital umzumünzen weiß wie die Gender-Avantgardisten.

Aber im Großen und Ganzen können wir uns nicht beklagen. Die Hauptthese der Alphamädchen – Feminismus funktioniert nicht gegen die Männer, sondern nur mit ihnen – haben selbst eher traditionell arbeitende Regisseure, Autoren und Kostümbildner/innen vorbildlich verinnerlicht. Tatsächlich steckt in fast jedem zeitgenössischen Theatermacher ein mustergültiger Frauenversteher! Besonders positiv fiel da gerade Volker Lösch auf, als er in „Lulu – Die Nuttenrepublik nach Frank Wedekind mit Texten von Berliner Sexarbeiterinnen“ an der Schaubühne klarstellte: Auch „eine Hure ist ein Mensch“.

Auf die Schaubühne ist in puncto Frauen-Anwaltschaft sowieso Verlass. Ihr verdanken wir auch die Korrektur eines stark sexismusverdächtigen Weiblichkeits-Images, das der „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner in Umlauf brachte. „Liebe deutsche Mütter“ – so wandte er sich insbesondere an die nicht erwerbstätigen unter ihnen – „ihr seid faul: 2 Stunden und 18 Minuten investiert ihr in Hausarbeit – danach Café latte trinken, Unterhautfettgewebe wegtrainieren, in einem Body-Piercing-Katalog blättern, die Beine übereinanderschlagen, auf Single-Frau tun, einen 20-Jährigen verführen.“

Mit solchen Vorurteilen räumt Nina Wetzel, die Kostümbildnerin von Thomas Ostermeiers Lars-Norén-Inszenierung „Dämonen“, gründlich auf. Denn ob die junge Späthippie-Mama Jenna (Eva Meckbach), die flachbeschuht ins Loft ihrer kinderlosen High-Heels-Nachbarin Katarina (Brigitte Hobmeier) trampelt, ihr Unterhautfettgewebe tatsächlich im Yoga-Studio gestrafft hat, lässt sich nicht ohne Weiteres ermitteln. Während die kinderlose Nachbarin, ein lasziv entrückter Märchenfee-Vamp von überirdischer Schönheit, mit der Rechten an den rotblonden Locken und mit der Linken an ihrem klitzekleinen Schwarzen nestelt, hat Mama alle Hände voll damit zu tun, sich nicht in ihrem zeltartigen Überwurf zu verheddern. Aus dem weiteren Verlauf des Abends lässt sich zuverlässig schließen, dass die junge Mutter beim Stichwort „Latte“ eher an Muttermilch denkt als an italienische Coffeeshops oder potente 20-Jährige.

Gut möglich, dass mit der lieben deutschen Mutter in Prenzlauer-Berg-oppositionellen Sackklamotten ein Typus die Bühne entert, der auf längere Sicht den aktuellen A-Klasse-Hofnarren – den tuntigen Schwulen – vom Karikatur-Thron stoßen könnte. Die Demografiedebatte jedenfalls scheint theatralisch im Kommen zu sein, wenn sie so gern im Bühnenduell, erwerbslose Mutter versus kinderlose Karrierefrau’ verarbeitet wird. In Roland Schimmelpfennigs Stück „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ – ein willkürliches Beispiel aus der aktuellen Berliner Spielzeit – ist dem Kostümbildner Werner Fritz am Deutschen Theater das Meisterstück gelungen, die in jeder Hinsicht attraktive Schauspielerin Maren Eggert auf eine entschleunigte Tantenhaftigkeit hin zu stylen, die man bei dieser Darstellerin nie für möglich gehalten hätte.

Eggert spielt Liz, eine ehemalige Krankenschwester, die sich nach der Ehelichung des Oberarztes Frank und der Empfängnis von Tochter Katie in die Eigenheimküche zurückgezogen hat und nun mit ihrem weinroten Tante-Frieda-Kleid und demonstrativen intellektuellen Minderwertigkeitskomplexen der Ärztin Carol gegenübertritt. Für diese Hosenrolle hat Sophie von Kessel ihre Haare unter einer Kurzhaarperücke versteckt und darf – Carol ist mit ihrem Mann gerade von einem humanitären Einsatz aus Afrika zurückgekehrt – zunächst ausführlich referieren, was sich der westliche Besserverdienende so unter Afrika vorstellt. Allerdings nur, bis Mutti Liz ihr das Bekenntnis entlockt, dass sie eigentlich auch gern Kinder gehabt hätte. Wenn das gesamte „Peggy Pickit“-Universum aus Konkurrenzdruck, Lebenssinn und Afrika letztlich auf die weibliche Biologie und ihre mentalen Folgen hinausläuft, scheint uns das bei aller Freude dann doch etwas zu viel der Ehre.

Woher bezieht der einfühlsame prototypische Theaterkünstler von heute – Zeitgenosse ab Mitte, Ende 20, Kind der 68er – eigentlich sein Weiblichkeitsbild? Klar: Die vier Frauen, die in den Vorständen deutscher Dax-Konzerne sitzen, übersieht man leicht, zumal im eher wirtschaftsfernen Theater. Aber in den Theaterkantinen, Theaterleitungssitzungen und Beleuchtungsproben soll die Frauenquote inzwischen ja ein wenig höher liegen. Von dem knappen Dutzend Premieren, die die führenden Berliner Bühnen (Deutsches Theater, Schaubühne, Maxim-Gorki-Theater, Volksbühne und Berliner Ensemble) in den nächsten 30 Tagen herausbringen, wird ein Drittel von Frauen inszeniert. Und die vereinen Erwerbstätigkeit durchaus mit Mutterschaft und die Mutterschaft wiederum mit Aversion gegen Sackkleidermoden.

Schaut man sich dagegen die Statistik des Berliner Theatertreffens an, wird die Not der Theatermänner, im eigenen beruflichen Umfeld auf reale Vorbilder für Frauenrollen zu stoßen, sofort wieder nachvollziehbar. Unter den 172 Regisseuren und Regisseurinnen, die zu der jährlichen Branchen-Leistungsschau von der Erstausgabe 1964 bis zur jüngsten Auflage 2010 eingeladen wurden, finden sich neben 154 Männern stolze 18 Frauen; Regiekollektive ausgenommen.

Der Retro-Trend, den die Theater derzeit ausrufen, passt dazu aufs Schönste: In nicht immer stimmiger, aber stets pfiffiger Analogie zum jüngsten Finanzcrash kramen die Bühnen Krisenstoffe der zwanziger und dreißiger Jahre aus dem Fundus. Das Genre, in dem der redliche, zupackende, sprichwörtliche kleine Mann seine geliebte Frau zu gern auf Händen tragen würde, wenn ihm sein dickbäuchiger Ausbeuter-Chef nicht ständig Striche durch die Existenzrechnung machen würde, stellt die Frau im Allgemeinen und die Schauspielerin im Besonderen vor völlig neue, also uralte Herausforderungen. Es gilt, grenzenlose Freude am wackeren Ernährer zur Schau zu stellen.

Diese Freude kann die unterschiedlichsten Formen annehmen – und muss das auch, da sie ja einen kompletten Theaterabend zu tragen hat. Die tolle Schauspielerin Annette Paulmann zum Beispiel verleiht ihr in Luk Percevals FalladaAdaption „Kleiner Mann – was nun?“ an den Münchner Kammerspielen Ausdruck, indem sie jedes Mal, wenn ihr Mann mit einer kleinen Gehaltserhöhung nach Hause kommt, wie ein Flummi durch das gesamte Bühnenbild hüpft. Die nicht minder großartige Regine Zimmermann wiederum träumt in Armin Petras’ Steinbeck-Inszenierung „Früchte des Zorns“ am Maxim-Gorki-Theater auf latent widerborstige Weise von dem Eisschrank, den ihr der Gatte vom ersten Gehalt spendieren will. Bis man zu ahnen beginnt, dass ihre Sehnsüchte über ein Haushaltsgerät hinausgehen.

Möglich, dass sie von der Sozialaufsteigerin Natalja aus Tschechows „Drei Schwestern“ träumt. Die hat, statt großäugig auf Kühlschranke zu warten, ihr biologisches und phänotypisches Kapital optimal angelegt, ins Establishment eingeheiratet und sich gleich auch noch in dessen Top-Etage emporgenölt. Kathrin Angerer ist in dieser nicht direkt frauenfreundlichen Rolle in Frank Castorfs Volksbühnen-Inszenierung „Nach Moskau! Nach Moskau!“ eine helle Freude. Wie sie sich als terroristische Biomüsli-Mutter genüsslich ins sexistische Rollenbild hineinfallen lässt und dem Klischee gleichzeitig ihre ureigene Power entgegensetzt, das lässt Chauvinisten alt aussehen. Überdies wirkt es wie eine wehmütige Reminiszenz an vergangene paradiesische (Volksbühnen-)Zeiten.

Sollten die Dinge für uns tatsächlich schon mal besser gelaufen sein? Thomas Ostermeiers „Othello“ an der Schaubühne spricht dafür, handelt es sich doch um eine weitere Inszenierung, in der Frauen in genau zwei Varianten auftreten: blond, als Nutte, und brünett, als Heilige. Andererseits: Othello selbst, der männliche Titelheld, ist dazu verdammt, den ganzen Abend über in buchstäblicher Einfalt und Eindimensionalität vor sich hin zu golfen. Letztlich müssen wir die Familienministerin rehabilitieren: Die wirklich unterdrückte und benachteiligte Bevölkerungsgruppe – auch das hatte sie in dem Interview gesagt – sind heutzutage die Jungs.

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