Multi-Artistin Björk : Die Welt ist auch nur ein Flokati-Teppich

Ralph Geisenhanslüke

Track Nummer sieben beginnt mit Schritten im Schnee: Krsch. Krsch. Krsch. Im grauen Dämmerlicht des Morgens kommt Björk aus ihrer Hütte und stapft durch die menschenleere Landschaft. Glockenspiel und Harfe fallen als erste Lichtstrahlen herein. Ein Chor schwillt an. Da erscheint sie am Horizont: die Göttin der Morgenröte. Der einsetzende Elektrobeat übernimmt das Geräuschmuster der Schritte, zerfranst es, setzt es neu zusammen, stapft weiter. Die Stimme hebt ab und begrüßt das erste Licht des neuen Tages. "Aurora" feiert ein schlichtes Naturschauspiel - mit allen Mitteln digitaler Musikproduktion.

Abgeschiedenheit und High-Tech, Intimität und großer künstlerischer Gestus - diese Gegensätze vereint sie auf ihrem neuen Album so spielerisch und selbstverständlich, wie es nur einer Traumwandlerin gelingen kann: Björk, das große Wunderkind mit der unfehlbaren Intuition, das auch als Schauspielerin für "Dancer In The Dark" mit Preisen überhäuft wurde. Ob sie nicht weitere Filme drehen wolle, wurde sie nach der Goldenen Palme in Cannes gefragt. "Mir bleiben nur noch 50 Jahre", sagte sie. "Und ich habe noch so viele Platten aufzunehmen."

So lebt, so atmet man Musik, wenn Papa zu Hause Clapton und Hendrix klampft, bevor man aus den Windeln ist. Ein Haushalt, in dem der Plattenspieler selten stillsteht. Björk Gutmundsdottir kommt mit fünf in die Musikschule, lernt Klavier und Querflöte, veröffentlicht mit elf die erste Platte: isländische Volkslieder. 7000 Stück werden davon verkauft. In Island gibt es dafür Platin. Ihr Musiklehrer, ein Herr Edenstein aus Deutschland, versucht vergeblich, sie an Beethoven und Bach heranzuführen. Stattdessen gründet sie mit 13 ihre erste Punkband. Als sie 18 ist, nehmen sie und ihre Band K.U.K.L. zwei Alben für das Punk-Label Crass auf und gehen mit den Einstürzenden Neubauten auf Tournee. 1987 gelingt ihr mit den Sugarcubes der Durchbruch. Björk ist 22, tobt mit Mini-Rock und Springerstiefeln über die Bühne und singt, als gelte es, den röhrenden Gitarrenlärm in die Verstärker zurück zu scheuchen. Ende der achtziger Jahre ist Björk, von der internationalen Musikpresse als singende Elfe gefeiert, längst woanders. Nach London übergesiedelt, wird ihr der Rahmen der Sugarcubes bald zu eng. Sie beginnt, die Ideen der damals angesagten Sound-Designer aufzusaugen: Nellee Hooper (Soul II Soul, Massive Attack), Tricky und Goldie. Breakbeats, Techno, Drum & Bass werden ihre Heimat. Dazu lässt sie sich in immer extravagantere Kostüme und Videos verpacken. Modestars wie Alexander McQueen, Regiestars wie Chris Cunningham inszenieren diesen musikalischen Geysir, der entschlossen ist, sich von niemandem reinreden zu lassen, und dem nach Millionen verkaufter Platten auch niemand mehr reinreden kann. In "All is full of Love" zeigt Cunningham Björk als Roboter, der von anderen Robotern zusammengeschraubt wird und sich in eine identische Kopie seiner selbst verliebt.

Mit 36 hat man schon einige Schlachten geschlagen. Man muss nicht mehr so viel beweisen. "Vespertine" ist ein Rückzug ins Private, in die Welt der kleinen Dinge, in die Mikro-Wirklichkeit. Das Video zu "Hidden Place", der ersten Single, zeigt nur ihr Gesicht, in dem ein seltsamer bunter Glibber, ähnlich wie Quecksilber, aus den Augen rinnt und zu den Öffnungen von Mund und Nase wieder hereinfließt. Das sieht nicht eklig aus, sondern eher so, als wäre jemand mit den Flüssigkeiten des Körpers vertraut und in der Lage, sich über ihre eigentliche Bedeutung hinwegzusetzen. Natürlich erfüllt das Video auch den Hauptzweck aller Björk-Erscheinungen: Verwirren. Gerade weil die Bedeutungen bei Björk nicht eindeutig sind, erweisen sich ihre Inkarnationen als etwas Dauerhaftes in der schnellen Welt des Pop.

Das Uneigentliche, Verrätselte ist ihr Spezialgebiet. Aber sie kann auch anders: "Cocoon", Track Nummer zwei, beschreibt das morgendliche Erwachen eines Liebespaares. Schlaftrunkenes Kuscheln, zaghaftes Kopulieren, wieder einschlafen. Momente zwischen Traum und Wirklichkeit, in einer indirekten und doch konkreten Sprache, eingehüllt von Synthie-Sounds wie warmer Honig und piezo-elektrischen Rhythmus-Fragmenten, die das Vibrieren der Synapsen spüren lassen. Wer traut sich solche Zärtlichkeit und Poesie in seinen Texten - heute, wo Sex in der Popmusik auf Oberflächenreize und Four-Letter-Word-Ergüsse von Mittelklasse-Rotzlöffeln reduziert ist?

Ähnlich wie Madonna, an deren "Bedtime Stories" sie mitschrieb, hat Björk es immer verstanden, ihre Kreativ-Akkus mit dem neuesten Stand der Klangforschung aufzuladen. Hier sind es unter anderem das Computer-Duo Matmos aus San Francisco, der Brite Mathew Herbert und der Jazz-Arrangeur Vince Mendoza, die einen weichen Teppich, ach was: Flokati in die Hütte legen für Björks Kieksen, Gurren, Flehen, Quengeln, Lospreschen, Beschwören, Jubilieren. Diese Hütte, in der es so schön warm ist, bleibt ein Platz für Geheimnisse, hier dürfen auch Erwachsene dem entrückten Klingklang aus dem Märchenland Björkien lauschen. Sie verspricht, die Sonne in ihrem Mund zu tragen und: dass alles gut wird. Das weiße Federkleid, das sie bei der Oscar-Zeremonie trug und dessen künstlicher Schwanenhals auch hier auf dem Cover um ihren Hals liegt, verwandelt sich dabei allmählich in Myriaden von Pixeln, die wie künstlicher Schnee in einer Spieldose herumwirbeln und erst zu Boden rieseln, wenn eine Stunde um ist.

Trotz aller Elektronik: Die Harfe ist echt, das Orchester und auch der Chor. Damit nicht genug: Björk wird mit Matmos, der Harfenistin Zeena Parkins, einem 54-köpfigem Orchester und einem grönländischem Inuit-Chor durch Opern- und Theaterhäuser touren. Herr Edenstein hätte seine Freude daran.

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