Kultur : Multikultiklangkörper

Das 7. „Young Euro Classic“-Festival eröffnet mit panamerikanischen Klängen

Frederik Hanssen

Der blaue Teppich ist ausgerollt: Die gigantische Europaflagge, über die man die Freitreppe zum Konzerthaus am Gendarmenmarkt hinaufschreitet, ist immer noch das Markenzeichen des „Young Euro Classic“-Festivals. Dabei kommen im siebten Jahr seines Bestehens die Ensembles längst mehr nicht nur aus dem europäischen Raum, sondern auch aus Israel und Syrien, der Türkei, Amerika und China. Bei 15 Konzerten werden bis zum 20. August 1200 Musiker aus drei Erdteilen in Berlin zu Gast sein. Im vergangenen Jahr eröffneten Hochschulstudenten aus Peking das Festival, diesmal sind es ihre geografischen Antipoden vom amerikanischen Kontinent. Young Global Classic.

Das „Orchestra of the Americas“ ist selber ein kleines Jugendbegegnungsprogramm. Seit 2002 bringt es Instrumentalisten aus Kanada und Chile zusammen. Erstmalig gastiert der 110-köpfige, viersprachige Multikultiklangkörper nun in Deutschland – und zeigt beim Eröffnungskonzert gleich, wie „Young Euro Classic“ idealerweise funktioniert. Werke des 20. Jahrhunderts wünschen sich die Veranstalter, ebenso wie hierzulande unbekannte Musik aus der Heimat der Orchester – und eine Uraufführung dürfen sie auch gerne im Gepäck haben. Schließlich gibt es einen Komponistenpreis, vergeben von einer Publikumsjury, die stets Gespür bei der Talentsuche bewies: Der 2000 ausgezeichnete Finne Magnus Lindberg wird mittlerweile sogar von den Berliner Philharmonikern gespielt.

Ob David Robert Colemans „Albeniz-Fantasie für Viola und Orchester“ bei den Laienpreisrichtern eine Chance hat? Das Stück ist handwerklich gut gemacht, im Stil der jungen britischen Komponistenschule, auch wenn die Uraufführung an der Blässe des Solisten Edmundo Ramirez krankt. Gefeiert wird Coleman vor allem als Dirigent des Abends. Sehr klug, an den Anfang eine robust-effektvolle Ballettmusik wie Alberto Ginastras „Estancia“ zu setzen, um Musiker wie Publikum locker zu machen. Danach stimmt die Aufmerksamkeit für Maurice Ravels subtile „Rhapsodie Espagnole“, die sommerliche Temperaturen faszinierend in Töne fasst. Nach der Pause folgt Silvestre Revueltas Filmmusik zu „La noche de Mayas“ (1939): Der rhythmisch explosive, modernistisch angeschärfte Soundtrack des Mexikaners ist eine jener Partituren, aus der Jugendorchester mehr Funken schlagen können als routinierte Profis.

Wenn bei „Young Euro Classic“ in der Vergangenheit mal ein Abend enttäuschte, lag es fast immer daran, dass Werke ausgewählt wurden, deren Gedankenwelt sich Teenagern noch nicht erschließt. Mit diesem Kracher aber reißen Coleman und seine Powerplayer die Berliner aus den Sitzen. Bei der Zugabe tanzen nicht nur die Musiker auf der Bühne, sondern auch Klaus Wowereit und Ulrich Matthes im Parkett.

Infos unter www.young-euro-classic.de

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