Kultur : Multis perplex

Das Kosmos war das erste neue Großkino in Berlin. Nun wird es als erstes geschlossen. Ein Krisenprotokoll

Jan Schulz-Ojala

So sehen Verlierer aus. Total abgeräumte Popcorn-Theke. Stumpf gewordene Backsteine in Weiß, Hellgrün und Beige. Das Kassenhäuschen: verrammelt. Die Rest-Mitarbeiter: Lautstark palavern sie durchs Foyer. Paar Sitzgruppenstühle: allein. Irgendwo ein Schild, abgewandelter Kafka: „Im Kosmos gewesen. Geweint.“ Darunter Belegschaftsdank an die treuen Kunden. Und ausgeschaltet die staubigen TV-Monitore, auf denen die Filme des Tages flimmerten, „Krieg der Welten“ in Kino 10. Aber ja, den Krieg der Kinowelten hat das Kosmos verloren, und zwar gründlich.

Sehen so Sieger aus? Anderer Schauplatz: vergitterte Fassade zur Landsberger Allee, feindselig wie ein Hochsicherheitstrakt. Düsterer Zugang über die Seitenfront. Unten eine Billigkneipe mit Geldspielgeräten, ein Billard-Center und paar Läden, leer. Rolltreppe aufwärts, aber runter geht’s, schlappschlapp, auf der Treppe. Bei der Auffahrt zwei Schilder, „Paramount“ und „Universal“: Protzend künden sie von Ex-Hollywood-Besitzern. Oben steht sich die Popcorncola-Fraktion die Beine in den Bauch, und „Krieg der Welten“ läuft natürlich auch. Kaum zu fassen, aber den Krieg der Kinowelten hat das UCI Friedrichshain gewonnen, und zwar gründlich.

Das Kosmos in der Karl-Marx-Allee, einst größtes Premierenkino der DDR, macht morgen dicht. Und das UCI Friedrichshain, nur 900 Meter entfernt, wird der Gewinner dieser Pleite sein. Als am 18. Dezember 1996 das Kosmos, rund um seinen eiförmigen Hauptsaal um neun unterirdische Kinos erweitert, prunkvoll die Berliner Multiplex-Ära eröffnete, lag schon ein Schatten über dem Fest. Denn einen Tag später war der Vertrag für das UCI Friedrichshain perfekt. Kosmos-Betreiber Volker Riech mochte der Konkurrenz noch siegesgewiss drohen, als er zur Eröffnung prophetisch verkündete: „Wenn zwei Großkinos das gleiche Einzugsgebiet haben, können nicht beide Häuser überleben.“

Nun ist sein eigenes dran. Es ist das traditionsreichere, das schönere, das städtebaulich prominentere – aber Konkurs ist Konkurs. Riechs Ufa-Theater AG ging vor drei Jahren pleite, und der Insolvenzverwalter fand niemanden, der das Kosmos hätte weiterbetreiben wollen. Wie auch: Die Cinestar-Kette hatte sich die Häuser Treptower Park, Cubix am Alexanderplatz und Kulturbrauerei aus der UFA-Konkursmasse gesichert, bloß nicht das Kosmos. Zu nah lag es am UCI Friedrichshain, mit dem es sich eine erbarmungslose Preisschlacht geliefert hatte. Auch die beiden wichtigsten Mitbewerber, Cinemaxx und UCI selbst, hielten vornehm Distanz. Das Kosmos ist tot, es wird – wahrscheinlich – Disco. Zeit für ein Aufatmen in der durch allgemeine Kinokrise und spezielle Berliner Multiplex-Übersättigung gebeutelten Branche. Zeit auch für Krokodilstränen.

Um rund 20 Prozent, schreckliche Zahl, sind die Kino-Umsätze im ersten Halbjahr gegenüber 2004 zurückgegangen. Zu schlechte Filme, zu gutes Wetter, ein allgemein verarmendes Publikum, das lieber auf die DVD wartet oder gleich unter die Raubkopierer geht: Die Ursachen für die Krise sind dieser Tage allenthalben nachzulesen. Da haben auch die Multiplex-Betreiber andere Sorgen, als sich ein – weiteres – marodes Haus ans Bein zu binden. Zumal sie selber allesamt am Wackeln waren: Hans Joachim Flebbes Cinemaxx AG überlebte an der Börse nur, weil der Münchner Mogul Herbert Kloiber mit knapp 50 Prozent einstieg. Cinestar, einst ein Lübecker Familienunternehmen, ist ganz unter die Fittiche australischer Geldgeber geschlüpft. Und die UCI, früher europäische Tochter der genannten Hollywood-Studios, gehört seit letztem Herbst der „Terra Firma Capital Partners“, die viel Geld bewegt, unter anderem für Film. Doch Bangemachen gilt nicht. Geschäftsleute gucken nach vorn.

Andererseits: Wenn mit dem Kosmos das erste echte Berliner Multiplex dichtmacht, geht der Blick zwingend zurück. Alle fühlten sich als Goldgräber in der Branche, allen voran Volker Riech, damals mit seiner UFA deutscher Marktführer, der das Kosmos für sagenhafte 55 Millionen Mark ausgebaut hatte. Auf 200 Millionen Kinobesuche pro Jahr würden es die Deutschen bald bringen, verhießen die Expertisen – und die Multiplexe würden die großen Nutznießer sein. Die Nutznießer wurden sie wohl, indem sie den herkömmlichen Kinos das Wasser abgruben, nur: Der Markt wuchs nicht um das ersehnte Viertel, jedenfalls nicht auf Dauer. Die Deutschen rannten nicht plötzlich mehr und mehr ins Kino, nur weil plötzlich mehr und mehr Multiplexe rumstanden. In Berlin, wo die zuständigen Bezirksämter munter Genehmigungen erteilten, sollten es mal 30 werden – eine Ziffer, die eher zu einer Zehnmillionen-Metropole passen würde. Nun sind sogar die 15 vorhandenen zu viel.

Vor allem im Berliner Osten, wo von 1997 bis 2000 gebaut wurde, was das Bewilligungspapier hergab, tobt heute ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb. Cinemaxx-Sprecher Arne Schmidt freut sich etwa über sein Flaggschiff am Potsdamer Platz, auf das auch die Branche neidisch blickt, aber über das Haus in Hohenschönhausen redet er nicht so gern. Cinestar-Sprecher Jan Oesterlin rühmt die vor zwei Jahren übernommenen UFA-Kinos Cubix (Erfolg mit Zusatzveranstaltungen), Kulturbrauerei (konsequentes Arthouse-Programm) und Sony-Center (neues Stammpublikum mit Originalversionen); um die reinen „Stadtteilversorger“ Treptow und Hellersdorf aber sorgt er sich offen. UCI-Marketingkoordinator Christian Arbeit wird noch deutlicher: „Die komplizierte Wettbewerbssituation haben wir uns selber eingebrockt.“

Nuscheln wir mal hinter vorgehaltener Hand. Ein, zwei, vielleicht auch drei Multiplexe weniger dürften es schon sein. Vielleicht nicht gerade die eigenen. Obwohl: Manches Haus in den tiefroten Zahlen stieße mancher Betreiber schon ab, wenn die auf bis zu 20 Jahre geschlossenen Mietverträge nicht wären. Besser natürlich, die Konkurrenz schafft dort Raum, wo es besonders eng ist: in Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Hellersdorf und Marzahn. Georg Kloster, mit seiner Yorck-Kino-Gesellschaft größter klassischer Programmkino-Anbieter der Stadt, redet dann wieder Tacheles: „Teils unbedarft, teils rücksichtslos“ sei jahrelang die Genehmigungspolitik der Bezirksbehörden gewesen. Womit er wohl auch Multiplexe wie in den Gropius-Passagen oder im Forum Neukölln meint, die seinen kleineren Neuköllner Kinos Passage und Rollberg das Überleben schwer machen. Der Kuchen wird nicht größer, es essen nur immer mehr davon. Und manchen bleiben die Krümel.

Rund 30 Berliner Kinos, darunter so schöne Häuser wie das Astor und der Gloria-Palast und so prächtige Monster-Exoten wie das Royal, haben seit der Jahrtausendwende dichtgemacht. Rund 100 gibt es noch, immerhin, davon sind 15 Multiplexe; letztere Zahl variiert je nach – ungeschützter – Definition. Allein die Multiplexe aber haben die Zahl der Leinwände (jetzt knapp 300) und der Sitzplätze (jetzt 66000) verdoppelt, wobei laut Georg Klosters vorsichtiger Schätzung die Nachfrage nur gemächlich um 30 Prozent wuchs. Kommt jetzt nach dem großen Palast-Abschlachten via Multiplex das große Multiplex-Sterben selber? Manchen tät’s freuen. Doch das Kosmos ist ein – für die einen trauriger, für die anderen befreiender – Solitär. Kleiner Trost für alle: So schnell wird ganz bestimmt kein neues mehr gebaut.

Das Kosmos, 1962 nach einem Entwurf

Joachim Kaisers

erbaut, war Prunkstück und größtes Kino der DDR: Rund tausend

Zuschauer fasste der eiförmige Saal hinter dem verglasten Entree. Das Renommierkino wurde das erste Berliner Multiplex: Für 55 Millionen Mark fügte man

unterirdisch um das

Altkino in der Karl-Marx-Allee neun

moderne Säle an – fast ohne Eingriff in das denkmalgeschützte

Ensemble. Hinzu kam eine Tiefgarage mit

170 Stellplätzen.

Von seiner architektonischen Wucht etwa mit dem Zoo Palast im

Berliner Westen vergleichbar, wurde das Kino mit seinen 3400

Plätzen zum zweitgrößten Multiplex der Stadt. Am Mittwoch ist – Folge der UFA-Pleite vor drei Jahren – letzter Spieltag. Ein Brandenburger Disco-Betreiber

übernimmt das Haus.

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