Kultur : Mundraub und Stimmenfang

Cristina Moles Kaupp

Die großen Augen der Françoise Barnier. Wärme flackert darin, Entschlossenheit, Wut. Vor allem jedoch das Hadern mit der eigenen Armut - und Stolz. Schulden, Kredite sind unter ihrer Würde. Das mag zwar altmodisch klingen, doch die alleinerziehende Mutter zweier Kinder hat da eben ihre Prinzipien. Stets bemüht um ein rechtschaffenes Leben, respektiert sie die sozialen Regeln. Daher will sie keine Almosen, sondern einfach nur das, was ihr zusteht: Sozialhilfe, die Anerkennung ihrer finanziellen Not.

Die staatliche Fürsorge indes folgt eigenen Kriterien: Wäre Françoise Barnier verschuldet und würde ihren Job als Putzfrau in einem Fleischereibetrieb beenden, dann würde ihr Anspruch gewährt. Für die streitbare Französin kommt dergleichen jedoch nicht in Frage. Sie will arbeiten, nur findet sie nichts Besseres: Françoise Barnier im Sog der Elendsspirale. Ihr Schicksal ist authentisch und fand 1996 großes Echo in den französischen Medien. Nachvollziehbar, dass Barnier allem entrinnen will. Und so sieht man sie am Anfang des Films in eine Wahlkabine verschwinden und erfährt später, dass Françoise den rechtsradikalen Front National gewählt hat, aus ihrem Verlangen nach Autorität und Veränderung heraus.

Als sich ihre finanzielle Lage verschärft, wird Frau Barnier erstmals in ihrem Leben etwas Ungesetzliches tun: Als stünde sie neben sich, klaut sie plötzlich Fleisch, sechs Kilo in drei verschiedenen Geschäften. Ein befreiender Akt, Handeln aus der Not heraus, die hier nicht nur individuell empfunden, sondern mittels penibler Auflistung ihrer Ein- und Ausgaben für jeden nachvollziehbar wird. Ungewöhnlicherweise kommt der Fall vor Gericht. Spektakulär bewertet wird weniger das menschliche Urteil der progressiven Richterin, die Barniers Vergehen als "Mundraub" deklariert und ihre Lage als "Notstand" anerkennt, als die Revision der Staatsanwaltschaft zwei Monate später, die Barnier nun schuldig spricht. Sie stößt sich zum einen daran, dass ziviler Ungehorsam mit Freispruch belohnt würde, zum anderen erscheint ihr der Diebstahl von Fleisch gravierender als der von Nudeln, dem täglichen Brot der kleinen Familie. "Dass jemand Proteine essen möchte, verweist auf ein gesellschaftliches Ungleichgewicht", so Regisseurin Claire Devers. "Es zeigt, dass es unverhältnismäßig große soziale Unterschiede gibt, die verringert werden müssten. Damit dies nicht geschieht, beruft man sich auf ein Gesetz, das für alle gleich ist und damit das schlimmste von allen. So werden die sozialen Ungerechtigkeiten belassen wie sie sind."

Die destruktive Rechte

Dies ist jedoch nur ein Aspekt des eindringlichen Portraits dieser einfachen Frau, die weder Opfer sein will noch schuldig. Als der Front National Le Pens mit ihrem Schicksal Punkte sammeln will, tritt die Frau erstmals in direkten Kontakt mit der rechtsradikalen Partei. Schnell registriert sie jedoch, dass deren Wertesystem mit ihrem eigenen kollidiert, und zieht Konsequenzen. Mag die Gegenüberstellung der zwei Tabubrüche in "Die Diebin von Saint Lubin" vielleicht etwas plakativ geraten sein. Spannend ist das Nachdenken über Justiz und soziale Gerechtigkeit allemal. Denn wozu wird eine Bagatelle zum Exempel? Und verglichen damit: Was wird aus einem Votum für eine rechtsradikale Partei, die sich weitaus destruktiver auf das soziale Gefüge auswirkt als kleine Vergehen?

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