Kultur : Mundsieg

Domingo zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Frederik Hanssen

Zu Richard Wagners Zeiten bestand die größte Hürde darin, mit seiner Partitur am Theater angenommen zu werden. Wurde das Stück ein Erfolg, wollten es sofort alle anderen Bühnen nachspielen. Heute verhält es sich umgekehrt: Weil im musealisierten Musikbetrieb Kompositionsaufträge die Feigenblätter der Intendanten sind, kommt jeder halbwegs begabte Tonsetzer leicht zu seiner Uraufführung. Danach allerdings verschwindet das Opus meist in der Schublade. Es sei denn, der Komponist findet einen Künstler, der an ihn glaubt, und darum seine Werke immer wieder spielen will. Thomas Adès ist so ein Glückspilz: Simon Rattle ist geradezu vernarrt in den Sound seines 1971 geborenen Landsmannes. „Asyla“ hat Rattle vor acht Jahren in Birmingham uraufgeführt, 2002 dann auch nach Berlin gebracht. Wie wichtig es selbst für Spitzenorchester ist, mit neuer Musik vertraut zu werden, merkt man, wenn Rattle den 30-Minüter nun erneut mit den Philharmonikern vorstellt: Im positivsten Sinne routiniert gehen die Musiker die komplexe Partitur an, haben genau die richtige Lässigkeit für die jazzigen Passagen von „Asyla“. Cool!

Um Asyl geht es auch nach der Pause, wenn Placido Domingo als Siegmund im 1. „Walküre“-Akt erschöpft in Hundings Hütte taumelt. Den Tenor drängt es selbst auf dem Philharmonie-Podium zur halbszenischen Aufführung, was ihm optisch nicht immer zum Vorteil gereicht. Vokal aber fasziniert die exotische Mischung aus Wagnerschem Germanengeraun und Domingos an Verdi geschultem Klangsinn noch, besonders, wenn er manchen Aufschwung mit unnachahmlichem italienischen slancio nimmt, oder die Endsilbe einer Phrase verächtlich hinzischt, eben wie ein stolzer Spanier, der seinem Feind vor die Füße spuckt. Vom Text freilich versteht man kein Wort. Reinhard Hagens Diktion ist zwar vorbildlich – sein Bass aber ist einfach zu nobel, zu elegant geführt, um wirklich als brutaler Hunding überzeugen zu können. Eva-Maria Westbroeks innige Rollenidentifikation, ihr mädchenhaftes Timbre dagegen passen perfekt zu Rattles Wagnerbild: Statt glutrünstig im Gefühl zu baden, wie viele seiner Kollegen, zeigt Rattle lieber Raffinessen der Instrumentation, malt sein Tongemälde mit den Pastell-Schattierungen eines Moritz von Schwind. Dank philharmonischer Virtuosität klingt das Fresko wie frisch restauriert: diese herrlich leuchtenden Farben, dieser Gesang der Celli, diese Piano-Spitze der Trompete auf dem Schwertmotiv! Riesenjubel.

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